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Bericht vom Seminar „Herausforderung Antisemitismus“

Am Samstag, dem 21. Januar, wurde das Seminar in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Erwachsenenbildungswerk und der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen, gefördert im Rahmen des Bundesprogramms "Toleranz fördern – Kompetenz stärken" durchgeführt. Rund fünfzig interessierte Personen – nicht nur Friedenspreismitglieder – fanden sich in den Räumen der Evangelischen Stadtakademie ein, um vormittags den Vorträgen zuzuhören und nachmittags das Gehörte und die eigenen Erfahrungen in fünf thematisch unterschiedlichen Workshops zu diskutieren.

Nach einer szenischen Lesung aus "Andorra" von Max Frisch hielt zunächst Prof. Wolfgang Benz seinen Vortrag. Der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung referierte über Wurzeln und Erscheinungsformen des Antisemitismus. Ausgehend von einer Anamnese, über eine Diagnose spannte sich sein Vortrag bis hin zu einer Definition des Antisemitismus auf Basis der EUMC-Definition. Konstitutiv für den Antisemitismus, der in anderen Ländern im Übrigen weiter verbreitet sei als in Deutschland, sind laut Benz Ressentiments in der Mehrheitsgesellschaft basierend auf dem Bild des "Juden als solchem". Es handele sich also nicht um tatsächliche Eigenschaften von Juden, sondern um Projektionen der Mehrheitsgesellschaft. Damit liege die Definitionshoheit darüber "was und wie" Juden seien bei der gesellschaftlichen Mehrheit. Kritik an der israelischen Politik werde ausgenutzt um antisemitische Ansichten zu transportieren, die ansonsten politisch unerwünscht seien. Jedoch sei nicht jede Kritik an der israelischen Politik antisemitisch, sofern sie falsche Pauschalisierungen, Doppelstandards und die Verwendung von Stereotypen entsprechend der EUMC-Definition vermeide. Nach einer Darstellung aktueller Beispiele und Erscheinungsformen, wie dem christlichen Antijudaismus, dem biologischen Rassenantisemitismus, dem sekundären Antisemitismus und dem politischen Antizionismus endete sein Vortrag in einem engagierten Plädoyer gegen Vorurteile jeglicher Art: "Hass gegen eine Gruppe kann nicht überwunden werden, wenn der Hass gegen andere Gruppen nicht ebenso bekämpft wird". Als Beispiel dafür führte er die aktuell verbreitete Islamophobie an.

 

Peter Ullrich und Wolfgang Benz (Foto: Jürgen Jansen)

 

Dr. Peter Ullrich konzentrierte sich in seinem anschließenden Vortrag auf mögliche Erscheinungsformen des Antisemitismus in der Nahost-Solidaritätsbewegung. Ausgehend von einer Schilderung der "sehr entmutigenden Situation" in Israel – Palästina (Mauerbau; enttäuschte Friedenshoffnungen; wachsender Einfluss der ultra-orthodoxen innerhalb der israelischen Gesellschaft) betonte er die Notwendigkeit der Kritik an dieser Situation. Allerdings, so betonte er, müsse man feststellen, dass Israelkritik, Antizionismus und Antisemitismus eine "Grauzone" bildeten, in der häufig keine klare Grenzziehung erkennbar sei und die drei Aspekte ineinander übergingen. Umso wichtiger sei eine hohe Sensibilität und Aufmerksamkeit bei der Formulierung der Kritik. Konkret bedeute dies: Die Beachtung des Bezugsrahmens, innerhalb dessen die Kritik geäußert werde, nämlich die Verquickung des Nahost-Konfliktes mit dem gesellschaftlichen und politischen Leben in Deutschland, das durch die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus in besonderer Weise geprägt wurde. Ebenso sei die Vieldeutigkeit der Kommunikation bei der Formulierung der Kritik an der Politik der israelischen Regierung zu beachten, es bestehe die Gefahr eines "Auseinanderfallens" von subjektiver Intention der Kritik und gesellschaftlicher Diskussionsebene: Die Intention einer Kritik (z.B. die Tötung von palästinensischen Kindern durch das israelische Militär) bedürfe einer besonderen Expressivität (nüchterne Darstellung der Fakten und keine Widergabe von Ressentiments), die allerdings nicht immer zur gewünschten Rezeption führe. Stattdessen werde Inhalt und Form der Kritik absichtlich oder unabsichtlich missverstanden und falsch gedeutet. Ullrich ging desweiteren auf die Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs ein. Er betonte, dass diese Instrumentalisierung dem Ziel der Deligitimierung einer in der Sache berechtigten Kritik diene und den realen Problemen in keiner Weise gerecht werde. Zur eigenen Überprüfung bei der Formulierung der Kritik an der israelischen Politik empfahl Dr. Ullrich die folgenden acht Punkte:

  • Werden an Israel die gleichen Kriterien wie an andere Länder/Konflikte angelegt?
  • Werden die legitimen Interessen aller beteiligten Menschen, auch der Israelis, bedacht?
  • Wird eine Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus vermieden?
  • Wird die besondere Bedeutung der Shoa und des Antisemitismus als ein Grund (unter anderen!) der Entstehung Israels anerkannt?
  • Ist man in der Lage, die Konfliktparteien nicht nur als homogene Blöcke zu sehen, sondern auch ihre innere Widersprüchlichkeit wahrzunehmen und auch die unterstützte Konfliktpartei in verschiedenen Punkten zu kritisieren?
  • Werden Bündnisse mit rassistischen und antisemitischen Kräften ausgeschlossen?
  • Werden keine antisemitischen Stereotype verwendet?
  • Werden nicht Jüdinnen und Juden für die israelische Politik verantwortlich gemacht oder Antisemitismus mit der israelischen Politik rationalisiert?