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12.08.2014 09:26 Alter: 3 Jahr(e)
Kategorie: Nachrichten

Der Krieg hat wieder Konjunktur

Rede des Vorsitzenden des Aachener Friedenspreises bei der Mahnwache in Aachen, am 11.08.2014. (es gilt das gesprochene Wort)



der krieg hat wieder konjunktur. zu dieser erkenntnis möchte man gelangen, sieht man sich die derzeitigen kriege und konflikte in der welt an. kaum taucht ein konflikt auf der nationalen oder internationalen bühne auf, schon funktionieren reflexhaft altbekannte und altbewährte muster, und nach einer kurzen phase der verbalen aufrüstung, medial in szene gesetzt, medial unterstützt und angeheizt, und schon bald sprechen wieder die waffen. und immer wieder wird der preußische general von clausewitz bestätigt, der schon vor mehr als 200 jahren die simple wahrheit formulierte: der krieg ist bloße fortsetzung der politik mit anderen mitteln.

clausewitz schrieb sein grundlegendes militärtheoretisches werk ‚vom kriege‘ allerdings vor rund 200 jahren. man kann heute sagen, seine damaligen aussagen entsprachen dem zeitgeist. letztlich sollte es auch dazu dienen, ein bis dahin noch nicht übliches stehendes heer zu legitimieren. man könnte clausewitz auch umgekehrt auslegen und formulieren, wenn die diplomatie versagt hat, dann greifen die konfliktparteinen zu den waffen. auch diese aussage entspräche einem zeitgeist des 18. oder 19. jhd.

aber wir haben mittlerweile die schwelle zum 21. jhd überschritten, und noch immer greifen dieselben mechanismen. mit unglaublicher leichtigkeit wird das feindbild konstruiert, in den medien geklont und die kriegseuphorie verbreitet sich mit ekelhafter geschwindigkeit.

haben wir denn noch immer keine neuen strategien, um konflikte auszutragen? zu zeiten von clausewitz ritten wir noch zu pferde. der technische und soziale fortschritt seitdem ist so unvorstellbar groß, dass es völlig absurd erscheint, dass wir in sachen konfliktbewältigung immer noch auf dem niveau eines neandertalers agieren.

warum funktioniert es immer wieder? das fragt auch der hsg des handelsblatt, gabor steingart, in einem bemerkenswerten essay „der irrweg des westens“, den er am Freitag in mehreren sprachen veröffentlicht hat. gabor steingart hebt sich in seinem essay wohltuend ab von der nahezu gleichgeschalteten schar des übrigen blätterwaldes, indem man, wenn man nur die überschriften liest, kaum mehr einen unterschied zwischen bild, faz, süddeutscher und dem spiegel machen kann.

der so genannte ostblock ist schon lange implodiert, der sozialismus als systemkonkurrenz quasi nicht mehr existent, doch das feindbild des bösen russen taugt immer noch, um als ursache für konflikte herzuhalten. und egal ob verteidigungsministerin von-der-leyen, ob kanzlerin merkel oder bundespräsident gauck, sie alle schwafeln von mehr mut zur verantwortung, von tiefgreifenden maßnahmen, die nun nötig seien, vom ende der außenpolitischen zurückhaltung. sie meinen den krieg aber haben nicht den mut, das wort in den mund zu nehmen.

nicht besser sind die medien: Der „Tagesspiegel“ meint: „Genug gesprochen!“ - Die „FAZ“ fordert : „Stärke zeigen“. Die „Süddeutsche Zeitung“ ist sich sicher: „Jetzt oder nie“. und auch der „Spiegel“ fordert ein „Ende der Feigheit“.

stattdessen will man nato-truppen nach polen verlegen und die ukraine wieder bewaffnen. gabor steinhart aktualisiert in seinem beitrag das clausewitz’sche zitat und bewertet solche forderungen als „eine Fortsetzung der diplomatischen Ideenlosigkeit mit militärischen Mitteln“. recht hat er.

und die wahrheit?! – auch das ist eine altbekannte binsenweisheit. die wahrheit gehört regelmäßig zu den ersten opfern eines jeden krieges, der begonnen wird. wer hat die isis-kämpfer bewaffnet? – wer hat die mh17 tatsächlich abgeschossen? – wer hat die drei jugendlichen israelischen studenten umgebracht?

wir werden wahrscheinlich nie die wahrheit auf all diese fragen erfahren? aber wie wichtig sind die antworten darauf? welche antwort würde tatsächlich einen krieg rechtfertigen? ich denke, keine!

und deshalb erwartet von mir an dieser stelle bitte keine politischen analysen. keine neuen erkenntnisse über schuld und verantwortung für die derzeitigen kriege. ich bin fast geneigt zu sagen, es ist mir egal, wer angefangen hat. denn der krieg ist in jedem fall das falsche mittel. denn es wird keinen konflikt nachhaltig lösen. das haben uns die kriege im irak und in afghanistan doch – wieder einmal – gezeigt. was ist dabei politisch herausgekommen? höchst instabile politische verhältnisse, die nun der nährboden für extremisten sind. und es würde mich nicht wirklich wundern, wenn wir im nächsten jahr hier stehen und gegen einen bürgerkrieg demonstrieren, der in afghanistan tobt.

doch wir dürfen politisch nicht naiv sein. natürlich gibt es auch konfliktparteien, die nichts anderes wollen als den krieg. die nicht interessiert sind an diplomatischen beziehungen. die auch nicht interessiert sind an politischen lösungen. und momentan müssen wir feststellen, dass diese politischen extremisten leider in vielen regionen der welt die oberhand haben. egal ob sie an gott, an jahwe oder allah glauben, egal ob sie an überhaupt irgendetwas glauben, aber sie geben den ton an. im osten der ukraine, in syrien, im irak, in nigeria, in israel und auch im gazastreifen. die politischen extremisten in diesen ländern haben das heft des handelns in die hand genommen, in einigen fällen hat man ihnen das heft des handelns gerne in die hand gegeben.

aber wir können diese konflikte nicht wegdemonstrieren! wir sind beinahe ohnmächtig angesichts der kriege, die in vielen teilen dieser welt derzeit stattfinden. doch deshalb können wir sie nicht ignorieren. wir sind aufgefordert hinzusehen, wir sind aufgefordert, unbequeme fragen zu stellen, nach den richtigen antworten. wir sind aufgefordert, zu fragen, welche verantwortung haben wir, welche verantwortung hat deutschland, welche verantwortung hat jeder einzelne von uns? und was können wir tun?ich bin sicher, es kommen gleich noch eine ganze reihe von klugen vorschlägen, deshalb versuche ich mich jetzt gar nicht an einer wahrscheinlich ohnehin unvollständigen aufzählung. aber zwei dinge möchte ich dennoch anmerken:

1. deutsche waffen, deutsches geld morden mit in aller welt! dieser slogan der frühen friedensbewegung hat an seinem wahrheitsgehalt leider nichts verloren. im gegenteil. es gibt auf dieser welt kaum einen konflikt, an dem deutsche waffen nicht beteiligt sind. und die exportraten sind in den letzten jahren noch gestiegen. an dieser stelle können wir alle etwas tun. die aktion aufschrei – stoppt den waffenhandel ist uneingeschränkt zu unterstützen. waffenlieferungen aus deutschland müssen verhindert oder behindert werden. denn jede waffenlieferung unterstützt einen krieg.

 

2. zu den opfern eines jeden krieges gehören unzählige zivilisten. oft versuchen die betroffenen sich und ihre familien durch flucht dem krieg zu entziehen. sie tauchen dann als flüchtlinge in anderen ländern auf. hier werden sie vielmals ein weiteres mal bestraft, indem sie nur als problem beschrieben und wahrgenommen werden. aber flüchtlinge sind opfer, die es zu schützen gilt. auch in diesem bereich kann sich jeder von uns engagieren. mich erreichte z.b. gerade heute ein hilferuf aus dohuk. dohuk ist ein stadt in der kurdischen autonomieregion im nordirak. im letzten jahr hat der afp die dortige ‚internat. schule von dohuk‘ mit dem afp ausgezeichnet. dohuk befindet sich keine 50 km entfent von mossul, der stadt im norden iraks, die von den extremisten der organisation Islam. statt eingenommen worden ist. die stadt dohuk ist derzeit noch nicht in gefahr, allerdings haben sich in den letzten wochen bereits über 3.000 flüchtlinge aus dem von der IS kontrollierten gebiet nach dohuk begeben. die gemeinde unseres friedenspreisträgers stößt an ihre grenzen, um diese menschen aufnehmen zu können. deshalb haben sie uns heute um einen spendenaufruf gebeten. wir werden diesen spendenaufruf in den nächsten tagen an unsere mitglieder und über die medien verbreiten. ich bitte euch, diesen aufruf zu verbreiten und nach euren möglichkeiten zu unterstützen.