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Aachener Friedenspreis 2007
Friedensdorf San José de Apartadó (Kolumbien)
Jupp Steinbusch (Aachener Kinderzirkus „Pinocchio“)

Das Friedensdorf San José de Apartadó in Kolumbien und Jupp Steinbusch, der Begründer des Aachener Kinderzirkus „Pinocchio“, erhalten 2007 den Aachener Friedenspreis, der in diesem Jahr zum 20. Mal verliehen wird.

Beide Preisträger setzen sich auf ihre jeweils eigene Weise vorbildlich „von unten“ für den Frieden und konkret für vom Krieg bedrohte beziehungsweise traumatisierte Menschen ein.

Das Friedensdorf San José de Apartadó ist eines von mittlerweile 50 Friedensgemeinden in Kolumbien. Es wird stellvertretend für alle anderen ausgezeichnet.

Der 64jährige Diplom-Sozialarbeiter Jupp Steinbusch ist der Vater des Aachener Kinderzirkus „Pinocchio“. Mit diesem tritt er in Eigenengagement in den ehemaligen Kriegsgebieten Bosnien, Kroatien und Serbien, aber auch in St. Petersburg und Nordirland auf und zeigt auf seine Weise Kindern und Erwachsenen Wege zu friedlichem Miteinander auf.

Fotos: Martin Funk, Michael Klarmann

Porträt Friedensdorf San José de Apartadó


Friedensgemeinde San José de Apartadó (Kolumbien)

Seit über 40 Jahren herrschen in weiten Teilen Kolumbiens bürgerkriegsähnliche Zustände. Fast täglich finden brutale Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppierungen statt, zwischen Militärs, paramilitärischen Einheiten, Guerilla und Banden. Dies alles im Zeichen der Globalisierung wegen Bodenschätzen (Erdöl, Kohle) und Naturressourcen oder aus strategischen Gründen (Grenze zu Panama).

Die Kriegsparteien betreiben dabei eine „Politik der verbrannten Erde“ und versuchen, die umkämpften Gebiete unbewohnbar zu machen. Die wehrlosen Bauern der Kampfgebiete werden der Kollaboration mit den Guerillas beschuldigt und für vogelfrei erklärt.

Im Norden des Landes, in der Provinz Antiochia im Grenzgebiet zu Panama erklärten sich am 27.3. 1997 die 1350 Einwohner des Dorfes San José de Apartadó auf Vorschlag ihres Bischofs, in Anwesenheit von Vertretern verschiedener kolumbianischer NGO`s und einem Vertreter des Europäischen Parlaments zu einem neutralen Dorf. Die Gründung des Friedensdorfes war ein Akt des Widerstandes der Bauern gegen Vertreibung und Flucht. Insgesamt gibt es heute etwa 50 Friedensgemeinden in Kolumbien.

Seit der Gründung 1997 wurden 164 Einwohner aus San José ermordet. Es gab 11 Massaker und zahlreiche selektive Morde. Zeugen, die aussagten, waren jeweils die nächsten Opfer. Allein im Jahr 2004 gab es 530 Übergriffe (Morde, Vergewaltigungen, Raub, Drohungen, falsche Beschuldigungen). Beim letzten Massaker in 2005 wurden 8 Bewohner, darunter der Sprecher der Gemeinde und mehrere Kinder, aufgeschlitzt und zerstückelt.

Die kolumbianische Regierung bestreitet jede Verantwortung. Untersuchungen werden mangels Zeugenaussagen und Beweisen eingestellt. Zum angeblichen Schutz wurden Armee und Polizei im Dorf stationiert. Deren Anwesenheit aber macht das Dorf zum Angriffsziel der Guerilla-Gruppen.

Der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe diskreditiert die Dorfbewohner, indem er behauptet, sie würden mit der FARC (der größten Guerilla-Gruppe) kooperieren und empfiehlt öffentlich, nicht mehr von Friedensdorf zu sprechen, um ihnen so dem Schutz der Genfer Konvention zu entziehen.

Heute ist San José de Apartadó die am akutesten von Austilgung bedrohte Friedensgemeinde der Region.

Unterstützt wird die Friedensgemeinde von Pater Javier Giraldo von der Menschenrechtsgruppe „Justicia y Paz“ und der „UNESCO-Bürgermeisterin des Friedens“ Gloria Cuartas.

Es gibt ein Solartechnologie-Projekt des Friedensforschungszentrum Tamera/Portugal, zusammen mit dem deutschen Bundestagsabgeordneten und Träger des alternativen Nobelpreises Hermann Scheer.

Die Friedensgemeinde San José de Apartadó ist ein zukunftsträchtiges Entwicklungsmodell, das den Bewohnern eine Überlebenschance gibt, aber auch der kolumbianischen Regierung eine Exit-Möglichkeit aus dem Bürgerkriegszustand bietet.

Die Prinzipien der Friedensgemeinde:

• keinerlei Unterstützung von oder Kooperation mit bewaffneten Konflikt-Parteien
• friedlicher, gewaltfreier Widerstand
• keine Bewaffneten in der Friedensgemeinde
• keine Drogen (kein Anbau, Handel, Eigennutzung in der Gemeinde)
• kein Alkohol im Friedensdorf
• Gegenseitige Hilfe ( Produktion, Gesundheit)
• Transparenz innerhalb der Gemeinschaft

Bilanz dieser 40 Jahre:

• 3 Millionen Flüchtlinge innerhalb des Landes – sie gelangen meist in die Slums der Großstädte
• 5 Millionen Exil-Kolumbianer
• 3500 „Verschwundene“ , 3500 Entführte
• 70.000 Ermordete – meist Zivilisten

Zusammenfassung:
Mit der Auszeichnung der Friedensgemeinde San José de Apartadó und seiner Bewohner mit dem Aachener Friedenspreis werden Menschen gewürdigt,

• die sich gewaltlos von unten für Frieden einsetzen• die täglich dafür bedroht sind
• die bislang keine Auszeichnung erhielten
• die wir mit der Auszeichnung stärken können.