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Preisträger 2013
Internationale Schule in Dohuk und
„Schulen ohne Bundeswehr“ – Robert-Blum-Gymnasium (Berlin), Käthe-Kollwitz-Schule (Offenbach a.M.)

Internationale Schule Dohuk
© Gerardo Milsztein

 

Hintergrund und politische Ausgangslage:

Im Nordirak leben seit vielen Jahrhunderten verschiedene Volksgemeinschaften: Kurden, Christen (Chaldäer, Assyrer, Aramäer), Turkmenen, Yeziden, Shabak, Armenier, Feili-Kurden, Mandäer und bis in die 1960er Jahre Juden. Die Kurden kämpften zwischen 1961 und 1970 in bürgerkriegsähnlichen Aufständen für ihre Selbstbestimmung. Daraufhin ließ die irakische Zentralregierung Tausende Dörfer zerstören. 1970 dann wurde dem mehrheitlich von Kurden besiedelten Nordirak die Teilautonomie zugesprochen. Der Anfal-Operation – Codename für einen zwischen 1988 und 1989 durchgeführten Völkermordfeldzug des irakischen Baath-Regimes unter Saddam Hussein – fielen nach UN-Schätzungen über 180.000 Kurden zum Opfer. Leidtragende der andauernden Gewalt in der Region war die gesamte Bevölkerung. Wer es schaffte, suchte Schutz im Ausland. Viele Christen flohen in den Süden des Landes, nach Bagdad und Basra. Nach dem zweiten Golfkrieg, 1991, erlangte die kurdische Region eine weit reichende Autonomie – mit einer eigenen Verfassung, die Religionsfreiheit und Schutz der ethnischen Minderheiten festschreibt.

Der chaldäische Bischof Rabban Al-Qas ist 1949 in Al Qomani, einem Dorf im Gouvernement Amadija geboren. Er hat die Bombardierung seines Dorfes und die Deportationen und Ermordungen von Kurden selbst miterlebt. Nach Erlangung der Autonomie 1991 gründet er eine lokale Organisation, die maßgeblich am Wiederaufbau der Dörfer und Kirchen in seiner Heimatregion beteiligt ist. Rabban Al-Qas ist ein charismatischer und zugleich praktischer, zupackender Mensch. Seine Vision vom friedlichen Zusammenleben der Ethnien und Religionen: Im traditionell multiethnischen und multikulturellen Gebiet in Kurdistan-Irak ist es möglich, eine Toleranz- und Friedenskultur in der zukunftswichtigen Gemeinschaft der Kinder und Jugendlichen zu etablieren. Er ist überzeugt, Dialog, Respekt und Versöhnung von klein auf einüben, schafft ein Fundament für Toleranz und Vertrauen:

„Wir können viele Häuser errichten, wie überall hier. Aber für mich ist das Wichtigste, das Bewusstsein aufzubauen, um die Gesellschaft zu verändern – durch Bildung. Nach Jahrzehnten des Krieges- und Bürgerkrieges können wir nun gesellschaftliche Maßstäbe für Entwicklung und Frieden setzen.“

 

© Gerardo Milsztein

Rabban Al-Qas beginnt eine moderne,  richtungsweisende Schule nach folgendem Konzept aufzubauen: Mädchen und Jungen lernen gemeinsam. Es gilt das Prinzip der Gleichberechtigung und Chancengleichheit der Geschlechter. Die Mädchen werden in ihrer sozialen Entwicklung gestärkt und begleitet, um sich vom fatalistischen Schicksalsglauben, was die Rolle der Frau in der Gesellschaft anbelangt, lösen zu können und auch, um später in vermeintlichen Männer-dominanten bestehen zu können. Die ethnische oder religiöse Herkunft der Kinder und Jugendlichen spielt keine Rolle. Die kulturellen Wurzeln eines jeden sind zu respektieren. Die Trennung zwischen Politik und Religion ist wichtig und wird auch in der Schule vollzogen. Schulbildung ist ein gesellschaftspolitischer Auftrag, da hat Religion nichts zu suchen.

Rabban Al-Qas gewinnt die kurdische Regierung für seine Idee. 1999 schenkt sie der chaldäischen Kirche ein geeignetes Grundstück in Dohuk, der Hauptstadt des Gouvernements Dahuk, nahe der türkischen Grenze. Die Stadt (ca. 300.000 Einwohner) ist sicher, prosperiert und es gibt eine Universität.

2004 öffnet die Internationale Schule in Dohuk für die ersten 75 Schülern/innen ihre Pforten. Schulleiter ist Bischof Rabban Al-Qas. Das Lehrer/innen-Kollegium gehört verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschaften an. Die Schule ist koedukativ, Mädchen und Jungen lernen gemeinsam, Gleichberechtigung und Chancengleichheit wird konkret umgesetzt. Weder die ethnische, die religiöse, noch die soziale Herkunft spielen eine Rolle. Fünf Sprachen werden unterrichtet: Englisch, Französisch, Arabisch, Kurdisch und Aramäisch. Englisch als Unterrichtssprache ist das sprachliche Bindeglied zwischen den Schülern. Religionsunterricht wird nicht erteilt. Das ist Aufgabe der jeweiligen Religionsgemeinschaft.

„Für Religionskonflikte ist bei uns kein Platz“, sagt der kurdische Pädagoge Abdul Wahid A. Atrushi, der als gläubiger Muslim im besten Einvernehmen mit den Christen des Landes steht, gegenüber einer österreichischen Delegation.

„Alle Schüler nehmen Anteil am kulturellen Hintergrund der anderen und laden einander z.B. zu religiösen Festen ein, sie sollen von klein auf kulturelle Vielfalt erleben und so zu einer neuen Generation heranwachsen, die den Hass überwindet“, erklärt Rabban die Philosophie der Modellschule.

Friedenserziehung spielt eine wichtige Rolle, das Einüben der gewaltfreien Kommunikation. Der erste Jahrgang (zur Hälfte Mädchen) hat die  Schule 2011 mit der Hochschulreife abgeschlossen. Die meisten studieren in Kurdistan-Irak, drei der Absolventen in Dortmund, wollen aber nach dem Studium zurück in die Region, um ihrer Gemeinschaft nützlich zu sein. Mittlerweile unterrichtet die Schule an die 300 Schüler. Die Internationale Schule in Dohuk gehört zu den besten und modernsten In Kurdistan-Nordirak und die junge Generation übernimmt ein „Vorreiterrolle“, was Friedenssicherung anbelangt.

„Die Jugend ist die Zukunft Kurdistans. Das was sie hier in der Schule lernen, werden sie in die Gesellschaft tragen“, so der Bischof Rabban Al-Qas.

Nach Recherchen von Carmen Eckhardt, die einen Film über die Christen im Nordirak und diese Schule drehte, ist die Internationale Schule in Dohuk die einzige im gesamten Nahen Osten, die Friedenserziehung so konsequent umsetzt. Gerade die Kinder und Jugendlichen dieser Schule, die Gewalt erfahren oder hautnah miterlebt haben, lernen hier im täglichen Erleben, dass Freundschaft, Lachen, Lernen und Frieden zusammen gehören.

Diese Schule hat Vorbildcharakter. Sie braucht internationale Anerkennung und Rückendeckung, für einen sicheren Fortbestand. Denn der Frieden in der Region ist anfällig. Die politische Lage im Nahen Osten ist nach wie vor bedrohlich. Das Maß an Sicherheit ist zwar in Kurdistan-Nordirak viel höher, als in den umstrittenen Provinzen Mosul und Kirkuk und im Restirak. Aber selbst dort fehlt den Minderheiten noch das Gefühl dauerhafter physischer und ökonomischer Sicherheit. Das aufstrebende Kurdistan hat gute Voraussetzungen für eine stabile Demokratie und die Einhaltung von Menschenrechten geschaffen.

Die Auszeichnung der Internationalen Schule Dohuk mit dem Aachener Friedens­preis 2013 hat auch Signalwirkung im Land selbst. Die Schule ist ein Mo­dellprojekt für Frieden, Versöhnung und Verständigung zwischen Volksgruppen und Reli­gionsgemeinschaften.

 

„Schulen ohne Bundeswehr“

Robert-Blum-Gymnasium (Berlin), Käthe-Kollwitz-Schule (Offenbach a.M.)

 

 

Stellvertretend für alle Schulen, die per Schulkonferenzbeschluss festgelegt haben, die Bundeswehr nicht an ihre Schule einzuladen, geht der Aachener Friedenspreis 2013 an:

das Robert-Blum-Gymnasium (Berlin)
die Käthe-Kollwitz-Schule (Offenbach a.M.)

Wir zeichnen damit die Schulen aus, die als erste in den Jahren 2010 und 2011 diesen Beschluss in ihren Schulkonferenzen gefasst haben. Wir wollen den Mut und die Courage der Schülerinnen und Schüler, der Eltern, Lehrerinnen und Lehrer mit dem Aachener Friedenspreis 2013 würdigen und gleichzeitig ein Signal gegen den Mainstream der Militarisierung in unserer Gesellschaft setzen.

Unsere Vorstellung ist, dass junge Menschen sich für Freiheit und Gerechtigkeit in Frieden, ohne Gewalt und Krieg, stark machen.

Die Entscheidung deutscher Regierungen der vergangenen Jahre, sich seit dem völkerrechtswidrigen Jugoslawienkrieg immer wieder an Kriegs- und militärischen Gewalthandlungen zu beteiligen, führt unsere Gesellschaft in eine Kriegsnation zurück, wie sie schon einmal vor mehr als 300 Jahren begonnen hat. So befindet sich Deutschland zur Zeit weltweit in 12 Auslands- bzw. Kriegseinsätzen.

Ein Element der dazu erforderlichen Mobilisierung der Bevölkerung für den Kriegseinsatz ist die Rekrutierung von jungen Menschen für den „Dienst an der Waffe“. Als Lehrveranstaltung über Sicherheitsfragen getarnte Werbeveranstaltungen an Schulen vor zum Teil minderjährigen Schülerinnen und Schülern sind besonders zu verurteilen.

Durch in 8 Bundesländern zwischen Bundeswehr und den Ländern geschlossene Kooperationsvereinbarungen ist der Zugang für die Bundeswehr zu Schulen und Bildungseinrichtungen erleichtert und intensiviert worden. Wenn diese enge Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Bildungseinrichtungen von ihren BefürworterInnen begründet wird, ist häufig von der demokratischen Tradition der Armee die Rede. Die Bundeswehr sei integraler Bestandteil unseres Staatswesens und daher sei es selbstverständlich, dass die Armee an den Schulen präsent sein müsse. Dagegen lassen sich viele Argumente anführen, z.B. die Tatsache, dass die Bundesrepublik zu Beginn ihrer Geschichte keine Armee hatte. Offenbar ist unser Staat also auch ohne eine Armee denkbar. Auch die Frage, ob der Friedensauftrag des Grundgesetzes mit militärischen Mitteln überhaupt erfüllbar ist, muss diskutiert werden.

Inzwischen können laut einer neu gefassten Kooperationsvereinbarung JugendoffizierInnen der Bundeswehr und Organisationen der Friedensbewegung gleichberechtigt über die zur Friedenssicherung möglichen Instrumente der Politik und die Aufgabenstellung der Bundeswehr informieren. Dass diese Änderung der Kooperationsvereinbarung reine Augenwischerei ist, zeigen die folgenden Zahlen.

 

Die Ausgaben der Bundeswehr für die Nachwuchswerbung stiegen von 9,8 Millionen Euro im Jahr 1998 auf 29 Millionen Euro im Jahr 2012. Das entspricht einem Faktor 3. Auch wenn nicht alle diese Mittel für die Werbung in Schulen aufgewendet werden, zeigen die Zahlen dennoch den enormen finanziellen und personellen Aufwand, dem die Friedensbewegung mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit nichts entgegensetzen kann.

Insgesamt traten 100 JugendoffizierInnen in der BRD im Jahr 2011 an Schulen, bei Jugendorganisationen und MultiplikatorInnen wie Lehrkräften, PolitikerInnen etc. auf. So erreichte die Bundeswehr 156.800 Personen – davon 133.600 Schülerinnen und Schüler in mehr als 5000 Veranstaltungen und rund 1500 Personen in Jugendorganisationen, insgesamt also rund 135.000 Jugendliche. Auch hier kann die Friedensbewegung personell in keiner Weise mithalten.

Oft wird so getan als ob SoldatIn ein ganz normaler Beruf sei. Diejenigen, die meinen, JugendoffizierInnen und WehrdienstberaterInnen müssten an die Schule kommen, argumentieren häufig damit, dass die Bundeswehr eine normale Arbeitgeberin sei und daher die Jugendlichen über diese Berufsmöglichkeit genau wie über jede andere informiert werden müssten. Jedoch ist der Soldatenberuf keinesfalls ein normaler Beruf. Soldatinnen und Soldaten verzichten mit ihrem Eintritt in die Armee auf wesentliche Grundrechte, wie auf das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit und Leben. Die freie Meinungs- und Willensbildung wird beschränkt, Gehorsamsverweigerung wird bestraft.

Der Bildungsauftrag der Schule wird gemäß unserer Landesverfassung in Artikel 7 Abs. 2 und im Schulgesetz §2, Abs.2 gleichlautend beschrieben:
„Die Jugend soll erzogen werden im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen […]. In Liebe zur Völkergemeinschaft und Friedensgesinnung.“ Diesen Auftrag können VertreterInnen einer Armee nicht erfüllen.

Um eine Welt ohne Krieg und militärische Gewalt zu erreichen, ist eine völlig andere Art des Denkens und Handelns unserer Gesellschaft nötig. Neben der Anwendung von Methoden der zivilen Konfliktbearbeitung zur Beilegung gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen Staaten und Gemeinschaften brauchen wir vor allem eine andere, auf Friedenserziehung orientierte, Bildungspolitik und Ausbildung unserer Jugend. Diese kann von Soldatinnen und Soldaten nicht gewährleistet werden, zumal diese ihrer Arbeitgeberin, der Bundeswehr, verpflichtet und damit deutlich interessengeleitet sind.