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Preisträger 2015
Rakotonirina Mandimbihery Anjaralova, Lumbela Azarias Zacarias und Balorbey Théophilius Oklu
Erzbischof Dieudonné Nzapalainga und Imam Oumar Kobine Layama

Rakotonirina Mandimbihery Anjaralova,
Lumbela Azarias Zacarias und
Balorbey Théophilius Oklu

Die o.a. Studenten unterstützen die aus der Subsahara geflohenen und in Oujda (Marokko) gestrandeten Flüchtlinge – alles Flüchtlinge ohne Status –, die nach oft jahrelanger Flucht durch dieWüste völlig entkräftet, traumatisiert und Frauen oft vergewaltigt in Marokko stranden. Regelmäßig fahren bzw. laufen sie zu Fuß zu den illegalen Flüchtlingslagern außerhalb Oujdas und versorgen sie mit dem allernötigsten: Nahrung, Plastikplanen für prov. Zelte, Decken, Jacken, Mützen und Handschuhen. In Oujda kann es im Herbst Winter und Frühling recht kalt werden. Temperaturen umden Gefrierpunkt sind nicht selten.

Vom marokkanischen Staat bekommen sie gar nichts und Privatpersonen ist die Unterstützung von Flüchtlingen strengstens verboten. Bei der katholischen und der ev. Kirche wird dies bisher geduldet.

Deshalb tun sie diese wichtige Arbeit im Namen des CEI (Comité d’Entraide International) – das ist der diakonische Arm der Ev. Kirche von Marokko, woher sie auch die materiellen und finanziellen Ressourcen für ihre Arbeit bekommen. Es ist für diese Studenten kaum zu verkraften, dass sie 2/3 der Flüchtlinge sagen müssen, dass sie ihnen nichts geben können, weil das Geld nicht ausreicht.

Sie leiten stellvertretend für uns ein Zeichen der Hoffnung und der Solidarität weiter. Die Flüchtlinge müssen unter erbärmlichsten Voraussetzungen im Freien unter Plastikplanen leben. Die hygienische Situation ist katastrophal.

Mit Hilfe gelegentlich organisierter Arztbesuche versuchen die Studenten eine medizinische Grundversorgung zu garantieren, wobei Schwer‐ und Dauerkranke abgewiesen werden müssen, weil es nicht zu finanzieren ist.

Über das, was im Mittelmeer geschieht ist, ist ausführlich im Rahmen der Lampedusa‐Katastrophe berichtet worden. Weniger bekannt ist das, was in Marokko Verbrecherisches geschieht. Bei den regelmäßigen massiven Razzien werden die Flüchtlinge aufgegriffen, zur Grenze nach Algerien gebracht, dort nachts einzeln ausgesetzt und oft mit Waffengewalt über die algerische Grenze getrieben. Wenn die algerische Grenzpolizei das mitbekommt, beginnt ein Pingpong‐Spiel. Frauen, die tagsüber ein Kind geboren haben, werden in der Nacht mit dem Kind in der Wüste ausgesetzt.

Handys, Papiere, Geld, Ess‐ und Trinkbares, zum Teil Kleidung – manche müssen ihre ganze Kleidungabgeben –, Schuhe sind immer darunter. Die marokkanischen Sicherheitskräfte hoffen, dass sie sich entweder verirren oder, da es eine steinige Wüste ist, die Füße nach einiger Zeit so verletzt sind, dass ein Weitergehen nicht mehr möglich ist. In beiden Fällen bedeutet es den sicheren Tod.

Diese sogenannte Abschiebepraxis gehört wohl vorübergehend der Vergangenheit an und ist wohl nicht so sehr mit der veränderten Migrationspolitik Marokkos zu begründen, sondern eher mit der Tatsache, dass Polizei und Sicherheitskräfte in Marokko momentan durch die Rückschiebung der Flüchtlinge von der Grenze zu Melilla und Ceuta so sehr ausgelastet sind, dass in Oujda relative Ruhe herrscht. Wahrscheinlich werden jeden Tag dort Hunderte von Migranten und Flüchtlingen dort auf Druck der EU oder Spanien aufgegriffen und nach Rabat und Casablanca verschleppt. Die spanische Polizei hatte nämlich offiziell verkündet, dass sie sich nicht mehr in der Lage sehen, die vielen Flüchtlinge am Überklettern der Zäune zu hindern und es vor allem ihr nicht zuzumuten ist, die vielen blutenden Körper aus dem Grenzzaun zu befreien. Es ist aber auch möglich, dass Marokko in Oujda die neue „Grenzsicherung“ erst fertigstellen möchte und deshalb Ruhe hält. Dieser neue Grenzzaun wird zu 100 Prozent durch die EU (Kosten ca. 30Mio Euro) finanziert und soll dazu dienen, Flüchtlinge und Migranten daran zu hindern, aus Algerien nach Marokko illegal einzuwandern.

Diese Ehrenamtlichen setzen damit auch ein Zeichen gegen die menschenverachtende Abschottungspolitik der EU. Jedes Jahr sterben Tausende im Mittelmeer und in Marokko, die vor Hunger, Verfolgung und Krieg geflohen sind.

Die EU bedient sich dabei der Anrainerstaaten und der Agentur Frontex. Finanziert wird eine abscheuliche menschenunwürdige Behandlung durch die EU. Sie finanziert Maßnahmen, die internationalem Flüchtlingsrecht in keiner Weise gerecht werden. Man will sich selbst nicht die Finger schmutzig machen. Aus dieser Politik der Abschottung entstehen machtvolle mafiöse Strukturen, worunter wiederum nicht nur die Flüchtlinge, sondern besonders die, die sich für sie engagieren, zu leiden haben. Die Studenten gefährden mit ihrem Engagement auch ihren Aufenthaltsstatus als Studenten.

Die Abschottungspolitik der EU ist Ursache dafür, dass seit Jahren Tausende Menschen an den EU-Außengrenzen sterben, dass Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende von Menschen, die vor Hunger Krieg und Verfolgung geflohen sind, unter erbärmlichsten Verhältnissen an der Südgrenze Europas dahinvegetieren müssen.

In ihrer Verzweiflung haben 2013 28mal insgesamt 7.000 Flüchtlinge versucht, die zweifachen hintereinander gestaffelten sechs Meter hohen Grenzzäune aus Stacheldraht zu den Exklaven Spaniens Ceuta und Melilla auf afrikanischem Boden zu übersteigen. In 2014 sind die Versuche der Flüchtlinge, den Grenzzaun zu überwinden deutlich gestiegen. Fast täglich gibt es solche Versuche. Da von der Presse wegen der Häufigkeit diese Fälle viel seltenener berichtet werden, wären Zahlen eine Spekulation.

Diese Studenten zeigten deutlich Solidarität mit denen, deren Not zu einem großen Teil durch die Verteidigung unseres Wohlstandes entstanden ist.

Die Verleihung des Friedenspreises soll ihnen den Mut machen, sich weiter für die Ärmsten der Armen zu engagieren, sie sollte aber auch Menschen zumindest europaweit aufrütteln, diese Arbeit zu unterstützen und sie soll deutlich machen, dass wir für das Unrecht an den Grenzen Europas mitverantwortlich sind.

 

 

Erzbischof Dieudonné Nzapalainga und Imam Oumar Kobine Layama

Die Zentralafrikanische Republik gehört seit der Entkolonialisierung zu den 10 ärmsten Ländern der Erde. Es ist politisch instabil (von 7 Präsidenten kamen 6 durch Putsch an die Macht) und es fehlt an rudimentärer Infrastruktur (Straßen, Strom- und Wasserversorgung, Gesundheitssystem, Schulen, …). Seit Ende 2012 ist die Lage für die Zivilbevölkerung zum wiederholten Male von direkter Bedrohung, Vertreibung und Greueltaten geprägt: es gibt alleine 500.000 Binnenflüchtlinge (+ 300.000 in den Nachbarstaaten) bei 4,6 Mio Einw. Vor allem stehen sich die muslimisch geprägte Rebellengruppe Seleka und die christlich geprägten Gegen-Rebellen der Anti-Balaka landesweit in kriegerischen Auseinandersetzungen gegenüber: als Antwort auf die Greueltaten der Seleka (zumeist „Söldner“ aus dem Sudan und Tschad) an Christen, die sie im Zusammenhang mit dem Regierungssturz (März 2013) begingen, haben christliche Gruppen als Anti-Balaka ebenso grauenvoll gewaltsam „geantwortet“.

In dieser Situation hat der Erzbischof von Bangui, Dieudonné Nzapalainga dem Imam Oumur Kobine Layama auf kirchlichem Territorium Asyl gegeben, ebenso mehr als 10.000 anderen Vertriebenen. Seitdem treten beide gemeinsam für ein friedliches Miteinander der Religionen und aller Menschen auf und wirken auf eine gewaltfreie zivile Konfliktlösung hin. Sie besuchen die einzelnen Stadtviertel und unternehmen Reisen in die sehr unzugänglichen und entlegenen Dörfer.

Beide werden nicht müde, immer wieder vor ihren eigenen Gläubigen für ein friedliches Miteinander zu werben und selbst Beispiel zu geben. Dabei unterstützen sie sich gegenseitig. Sie treten u.a. auch offensiv für eine Entwaffnung aller Konfliktparteien ein und betonen unablässig, dass der Konflikt politisch-militärisch motiviert ist und nicht als Konfessioneller dargestellt werden darf.

Bei einem Besuch im Landesinneren hat Dieudonné Nzapalainga auf der Rückfahrt einem Muslim, der auf der Stelle getötet werden sollte, durch seinen persönlichen Einsatz und Verhandlungsgeschick das Leben gerettet.

Vom 19. auf den 20. Januar ist Dieudonné Nzapalainga die ganze Nacht über in einem Stadtviertel Banguis auf den Straßen gewesen, in dem zwei kurz zuvor entführte Geiseln (MitarbeiterInnen der mobilen Gesundheitsversorgung) festgehalten wurden. Er wollte die Freilassung erwirken und so seine Entschlossenheit zeigen, dass ein glückliches Ende dieser Geiselnahme wichtig ist. Die Geiseln wurden schließlich freigelassen.

Dies sind nur einige der vielen konkreten Beispiele für ihren friedvollen Einsatz. Seit über zwei Jahren setzen beide sich unermüdlich dafür ein, dass der kriegerische Konflikt im Land ein Ende finden muss und der Weg dahin nur ein gewaltfreier sein kann. Sie wenden sich dabei vor allem direkt an die Bevölkerung und werben immer wieder für ein friedvolles Miteinander, dass ein Vergeben der traumatischen Erfahrungen voraussetzt: „Die Politik versucht, die Religionen in unserem Land zu spalten, aber Religion bietet keine Begründung für Hass, Krieg oder Streit.“ (Oumur Kobine Layama)

Eine „Friedensakademie“ ist in der Planung: hier sollen bis in die entlegensten Dörfer sog. Multiplikatoren ausgebildet werden.

Oumur Kobine Layama und Dieudonné Nzapalainga waren gemeinsam zu Beginn der Krisensituation bereits bei mehreren europ. Regierungen vorstellig um für Unterstützung für friedliche Lösungen zu werben.

Dieudonné Nzapalainga erhielt bereits mehrere ernstzunehmende Todesdrohungen. Eine der letzten im Januar dieses Jahres. Anlass war ein Besuch im Dorf Gbangou, bei dem er den Bürgerkriegsparteien Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwarf: Er sei geschockt gewesen, die Menschen in einem „tierischen Zustand“ vorgefunden zu haben, so Dieudonné Nzapalainga.

Im Dezember beispielsweise wurde auf die Anregung der beiden ein Jugend-Fußball-Turnier in Bangui ausgetragen, an dem Teams beider Religionen teilnahmen. In einer Situation, in der sich aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen Menschen „getrennte“ Wege gehen (leben in unterschiedlichen Stadtvierteln, Einkaufen bei Händlern der eigenen Religion, etc.) ist solch eine Initiative ein kleiner Schritt zum Miteinander und ein starkes Zeichen.

Beide beklagen immer wieder die tendenziöse Berichterstattung (auch zu „Fortschritten“ in Sicherheits- und politischen Fragen) in Medien der „westlichen Welt“: gerade damit würde die freilich immer noch prekäre Situation beschädigt und eine neue Gefahr geschürt.

Der Aachener Friedenspreis möchte ihre Bemühungen stärken, Wege der
Gewaltfreiheit inmitten der Greuel zu gehen. Wir wollen ein Zeichen für die weitere Befriedung der Zentralafrikanische Republik und den immensen Mut und die volle Einsatzenergie von Dieudonné Nzapalainga und Oumur Kobine Layama setzen.