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Mwatana for Human Rights – Vorsitzende Radhya Al-Mutawakel (Jemen)

Mwatana for Human RightsSeit 2007 setzt sich die jemenitische Nichtregierungsorganisation Mwatana gegen Menschenrechtsverletzungen im Jemen ein. Sie dokumentiert von allen Konfliktparteien verursachte zivile und kulturelle Zerstörungen und leistet rechtliche Unterstützung für Opfer von Menschenrechtsverletzungen und willkürlichen Verhaftungen. In sozialen Medien, Filmen, Broschüren und Radiokampagnen schärft Mwatana das Bewusstsein der Menschen für ihre Rechte, ermutigt und qualifiziert sie für menschenrechtliches Engagement. Handlungsleitend dabei sind die Prinzipien der Gewaltlosigkeit, Objektivität, Inklusivität, Neutralität, Integrität und Unabhängigkeit. Mwatana hält zu allen Konfliktparteien gleiche Distanz, ist unabhängig von Regierungen, Parteien und Organisationen. Mit internationalen Menschenrechtsorganisationen ist Mwatana gut vernetzt.

Die Militärkoalition unter Führung von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten behindert durch Sperrung des Luftraums und Blockade der Seehäfen seit Langem die Einfuhr lebenswichtiger Nahrungsmittel und medizinischer Güter in den Jemen. Die vom Iran unterstützten und bewaffneten Houthi-Rebelllen, die Ende 2014 die Hauptstadt Sana’a gewaltsam übernommen und ihre Kontrolle dann auf einen Großteil des Landes ausgedehnt hatten, haben ebenso schlimmste Menschenrechtsvergehen zu verantworten durch den Beschuss von Zivilpersonen, den Einsatz von Minen und die Behinderung humanitärer Hilfslieferungen.

Zahlreiche UN-Berichte belegen, dass alle Konfliktparteien im Jemen schwere Verstöße gegen Grundregeln des Völkerrechts und humanitäre Normen begangen haben, die die Lebensfähigkeit der jemenitischen Bevölkerung zunehmend verschlechtern. Rund 30 Millionen Jemenitinnen und Jemeniten (80% der Bevölkerung) sind auf humanitäre Hilfe oder Unterstützung durch Hilfsorganisationen angewiesen. Die Zahlen steigen Jahr für Jahr. Dabei ist die Einordnung von UN-Generalsekretär Antonio Guterres eindeutig: Die Krise im Jemen ist menschengemacht, sie ist direkte Folge des Krieges.

Mwatana setzt sich bei Treffen und Veranstaltungen mit Regierungsmitgliedern und anderen Interessengruppen für die Menschenrechtsarbeit im Jemen ein. Seit 2013 veröffentlicht die Organisation international hoch angesehene Berichte und Reportagen. Mit der Regionalisierung des gewaltsamen inner-jemenitischen Konflikts ab Frühjahr 2015 wurde besonders Mwatana-Vorsitzende Radhya Al-Mutawakel zu einer wichtigen nationalen und internationalen Stimme im Kampf gegen Straflosigkeit und für Wiedergutmachung. Seit einigen Jahren baut die Organisation ihre Arbeit zu Übergangsjustiz, Rechenschaftspflicht und Wiedergutmachung aus. In all diesen Bereichen arbeitet Mwatana direkt mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen, Augenzeug*innen, medizinischen und humanitären Helferinnen und Helfern zusammen, um anhand der primären Informationsquellen Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Das Team Forschung und Studien beobachtet und dokumentiert Vorfälle ziviler Schäden durch Feldbesuche, Interviews mit Zeug*innen und andere Formen der Beweismittelforschung.

Getragen wird die oft unter schwierigen bis lebensbedrohlichen Umständen umgesetzte Arbeit von rund 100 Mitarbeitenden, davon mehr als die Hälfte Frauen, die in der Zentrale in der Hauptstadt Sana’a und Zweigstellen in derzeit 17 Regierungsbezirken tätig sind. In 20 von 21 Regierungsbezirken sind Basisgruppen aktiv. Alle Mitarbeitenden von Mwatana sind jemenitische Staatsbürgerinnen und -bürger. Die Position der juristischen Direktorin für Rechenschaftspflicht und Wiedergutmachung ist durch eine internationale Expertin besetzt. Mwatana finanziert sich durch Partnerschaften mit verschiedenen Gebern wie UNICEF, der niederländischen Botschaft und der deutschen Botschaft im Jemen, der Open Society Foundation, Misereor und anderen. Einen Teil der Aktivitäten kann Mwatana aus eigenen Mitteln finanzieren.

Die Auszeichnung mit dem Aachener Friedenspreis soll Mwatana weiter in ihrem Engagement stärken und stellvertretend den Opfern von Menschenrechtsverletzungen in diesem beinahe vergessenen Konflikt Gehör verschaffen. Das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen nimmt im Umfeld des verstetigten Konflikts im Jemen weiterhin alarmierend zu. So lange Verantwortliche nichts zu befürchten haben, verüben sie aus Machtinteressen schwere Menschenrechtsvergehen, die den Konflikt zusätzlich anheizen. Auch vor dem Hintergrund des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine steht die jemenitische Menschenrechtsorganisation exemplarisch, nicht zuletzt, um Strafflosigkeit in gewaltsamen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen Einhalt zu gebieten.

02. Juni 2022

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Holger Rothbauer

Der Menschenrechtsanwalt Holger Rothbauer kämpft vor Gericht und in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten gegen illegale Waffenexporte deutscher Rüstungskonzerne und für eine rechtliche Neuaufstellung der deutschen Rüstungsexportkontrolle. In Prozessen vertritt Rothbauer jeweils verschiedene Mandant*innen, mal aus der Zivilgesellschaft, mal einen Ex-Mitarbeiter von Heckler & Koch als Whistleblower. Seine Arbeit ist in Teilen pro bono, in Teilen finanziert von den Initiativen und Mandant*innen, die er vertritt.

Rothbauer hat mit seiner Kanzlei in Tübingen mehrere Anzeigen wegen des Verdachts illegaler Rüstungsexporte eingereicht. Zu den wohl bekanntesten Fällen, die auf von Holger Rothbauer erstellte und eingereichte Strafanzeigen zurückgehen, gehören die Fälle Heckler & Koch[1] und Sig Sauer. Heckler & Koch exportierte tausende G36-Sturmgewehre illegal nach Mexiko, Sig Sauer zehntausende Pistolen nach Kolumbien. In beiden Fällen wurden Verantwortliche der Kleinwaffenhersteller verurteilt und die Umsätze der illegalen Geschäfte in Millionenhöhe eingezogen[2]. Rothbauer pocht immer wieder durch Klagen auf Herausgabe von Informationen zu einzelnen Exporten nach dem Informationsfreiheitsgesetz und schafft so Transparenz für die Öffentlichkeit.

Als wichtiges Bindeglied zwischen Initiativen der Zivilgesellschaft ist Rothbauer beispielsweise in den Organisationen „Ohne Rüstung Leben“ und „pax christi“, als Mitinitiator und Anwalt der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ und in der Fachgruppe „Rüstungsexporte“ der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) aktiv. Mit Letzterer gibt er jährlich einen Rüstungsexportbericht als Schattenbericht zu jenem der Bundesregierung heraus. Zudem hat er zur Aufarbeitung illegaler Waffenexporte in deutschen Medien beigetragen, etwa zu zwei Themenabenden „Waffenhandel“ der ARD, bei denen die Dokumentationen „Tödliche Exporte“ 1 und 2 sowie die Spielfilme „Meister des Todes“ 1 und 2 gezeigt wurden. An einer Ausgabe der Sendung „Die Anstalt“ des ZDF zu Rüstungsexporten 2018 wirkte er ebenfalls mit.

Mit der systematischen juristischen Aufarbeitung leistet Holger Rothbauer einen wichtigen Beitrag dazu, dass vermeintlich unangreifbare Personen aus Industrie und Politik persönliche Konsequenzen fürchten müssen. Er macht die internationalen Auswirkungen der Fertigung deutscher Waffen und die mangelhafte Exportkontrolle transparent. Diese langwierige und aufwändige Arbeit erfordert Kreativität bei der Recherche über Whistleblower, Netzwerkarbeit, Aktenstudium und unzählige Anträge. Große Hoffnungen setzt die Friedensbewegung daher in das geplante Rüstungsexportkontrollgesetz, welches deutlich klarere Regeln beinhalten und die juristische Verfolgung von Verstößen stark erleichtern muss.

Rothbauers Engagement gründet sich einerseits auf den universellen Werten der Menschenrechte, andererseits auf seinem christlichen Glauben. Daher wendet er sich auch besonders Schutzbedürftigen zu und betreut für die Caritas Menschen in Abschiebehaft in der JVA Rottenburg. Holger Rothbauer lebt mit einer Sehbehinderung, die ihm seine vielfältigen Tätigkeiten bisweilen erschwert und sein hartnäckiges Engagement umso herausragender macht.

Die Nachricht über seine Auszeichnung mit dem Aachener Friedenspreis erreichte Holger Rothbauer an seinem Geburtstag. Dieses besondere Geschenk kommentierte er wie folgt: „Ich fühle mich durch den Aachener Friedenspreis bestärkt, die jahrzehntelange Arbeit gegen Rüstungsexporte und die Geschäfte des Todes fortzuführen. Und ich hoffe, im nächsten Jahr endlich den Abschluss eines wirklich restriktiven Rüstungsexportkontrollgesetzes mit einem Verbandsklagerecht umgesetzt zu sehen.“

Arbeit zu Rüstungsexporten hat der Aachener Friedenspreis e.V. schon mehrfach gewürdigt. Die besondere Facette der juristischen Aufarbeitung wird jedoch oft vernachlässigt und nur sehr wenige Jurist*innen stellen sich dieser Aufgabe. Mit seiner Auszeichnung für Holger Rothbauer möchte der Aachener Friedenspreis e.V. den Blick auf diesen oft übersehenen Bereich lenken und junge Jurist*innen für das Themenfeld Rüstungsexportkontrolle motivieren, auch wenn hier nicht das große Geld lockt.

02. Juni 2022

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Initiative 19. Februar Hanau und Bildungsinitiative Ferhat Unvar

„Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen!“ sind ihre Forderungen. Bei Mahnwachen, Kundgebungen und Beerdigungen versprachen sich die Angehörigen der Opfer der rassistischen Morde vom 19. Februar 2020 in Hanau, einander nicht allein zu lassen und die Namen der Opfer nicht dem Vergessen preiszugeben. Um ihrer Solidarität und den Forderungen nach Aufklärung und politischen Konsequenzen einen dauerhaften Ort zu geben, gründeten sie die Initiative 19. Februar Hanau. Der alltägliche Rassismus in der vermeintlich so offenen deutschen Gesellschaft, verkörpert durch einen rechtsextremen Verschwörungsideologen, tötete neun Menschen mit migrantichen Wurzeln in und vor einer Shisha-Bar, einer weiteren Bar sowie einem Kiosk und anschließend seine eigene Mutter. Sie starben alleine im Krankenhaus, wurden ohne Einwilligung obduziert und Kontakt zu den Toten gab es in einigen Fällen erst eine Woche nach der Tat.

Die Angehörigen von Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Welkov, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu und Said Nesar Hashemi fordern eine lückenlose Aufklärung und Konsequenzen. Sie decken Fehlverhalten der Sicherheitskräfte in der Tatnachtauf und kritisieren Ämter wegen bürokratischer Kälte, Verfahrensfehlern und Untätigkeit. Sie fragen, wieso die Staatsanwaltschaft nicht schon vor der Tat gegen den Täter ermittelte, obwohl seine antisemitischen Schriften vorlagen? Wieso durfte er, obwohl polizeibekannt, legal Waffen besitzen? Wieso wurde den Opfer-Angehörigen nicht kommuniziert, dass der ideologisch ähnlich verortete Vater des Täters die Herausgabe der Mordwaffe forderte? Wieso werden die Angehörigen nicht vor diesem Mann geschützt sondern ihrerseits aufgefordert, sich ihm nicht zu nähern, als ginge die Gefahr von ihnen aus?

Die Initiative will bewirken, dass derartige Ereignisse sich nie mehr wiederholen können. Sie adressieren wieder und wieder den strukturell-institutionellen Rassismus, der in Deutschland zum Normalzustand geworden ist. Zum ersten Jahrestag der Morde rief die Initiative trotz der Pandemie zu bundesweiten, kreativen Aktionen auf, um Protest gegen Rassismus auszudrücken. In unmittelbarer Nähe zu einem der Tatorte, in der Hanauer Krämerstraße 24, gründete die Initiative zudem ein soziales Zentrum als Ort für Begegnung und Beratung.

Am 14. November 2020 gründete Serpil Temiz Unvar, die Mutter eines der Mordopfer, die nach ihrem Sohn benannte Bildungsinitiative Ferhat Unvar. Die Initiative leistet Empowerment- und Aufklärungsarbeit gegen Rassismus. Dafür bietet sie u.a. in Schulen antirassistische Workshops an. Sie ist aber auch eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit Rassismus-Erfahrungen sowie deren Eltern. Geprägt von ihren persönlichen Erfahrungen möchte Serpil Temiz Unvar Jugendliche stärken, damit sie „Chancengleichheit infordern können“. Lehrerinnen und Lehrer unterstützt sie durch Sensibilisierungsworkshops. Die Gründungen des Begegnungszentrums und der Bildungsinitiative sind über Jahre mit immensen Kosten verbunden. Gerade in der Startphase sind öffentliche Unterstützung und Aufmerksamkeit dafür unverzichtbar, da beide Initiativen sich komplett aus Spenden finanzieren. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass rassistische Morde im Bewusstsein aller bleiben, damit sich das gesellschaftliche Klima verändert und rassistische Ressentiments nie wieder Menschenleben kosten. Bildung, Verständigung und Erinnerung als Weg zu friedlicher Veränderung sind essentiell, damit Konsequenzen gezogen werden und keine Verharmlosung von Rassismus und rechtem Terror mehr möglich ist.

Angehörige von Opfern sind oft traumatisiert und müssen Tag für Tag um ihre Entschädigung kämpfen. In dieser Situation nicht im eigenen Leid zu verharren sondern die gemeinsame Zukunft aller Menschen in den Blick zu nehmen, ist bemerkenswert. Der Aachener Friedenspreis für die Initiative 19. Februar Hanau und die Bildungsinitiative Ferhat Unvar möchte die mutigen Schritte der Angehörigenstärken und ein öffentliches Zeichen der Solidarität und Unterstützung setzen.
Wir müssen uns jeden Tag selbst reflektieren, wo auch wir rassistische Muster in uns tragen. Wir dürfen aber auch die Verharmlosung von rechten Umtrieben nicht länger tolerieren. Es ist wieder an der Zeit, öffentlich dagegen aufzustehen und für ein
solidarisches Miteinander zu streiten. Ganz nach der Initiative 19. Februar: „Wir wollen diesen Raum mit allen gestalten, egal welchen Pass, welche Hautfarbe oder welche Religion wir haben.“ und der Bildungsinitiative Ferhat Unvar: „Wir stehen für einen Raum der Aufklärung, des Zusammenhalts, der Bildung und für ein friedliches Zusammenleben mit einer Vielfalt an Religionen, Kulturen und Nationalitäten.

21. September 2021

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Mütter für eine Kultur des Friedens: die interreligiöse Fraueninitiative „Women’s Interfaith Council (WIC)“ aus Kaduna in Nigeria

Sie wollen nicht länger Opfer sein. Das Women’s Interfaith Council (WIC) setzt sich seit 2010 in der Krisenregion Kaduna für ein gewaltfreies Zusammenleben zwischen Christ*innen und Muslim*innen ein. Viele der Frauen sind Witwen, die mitansehen mussten, wie ihre Ehemänner  und Kinder ermordet wurden. Gemeinsam wollen sie den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen. Gezielt wenden sie sich gegen den Missbrauch ihrer Religion für politische Zwecke und fordern Mitsprache beiEntscheidungsprozessen in ihren männer#dominierten Gemeinschaften. „Weder das Christentum noch der Islam unterstützen, dass Gläubige getötet, entmenschlicht oder erniedrigt werden. Wir haben gemeinsame Werte. Sie alle führen uns zum Frieden“, sagt Amina Kazaure, Leiterin des Gesamtprogramms.

Nach Anschlägen auf Dorfgemeinschaften oder  Einzelpersonen suchen christliche und muslimische Frauen des Women’s Interfaith Council, (WIC) Betroffene auf und kümmern sich um die Opfer. Sie leisten emotionalen Beistand und organisieren mit ihren begrenzten Mitteln Hilfe. Neben diesen Einsätzen vor Ort organisiert WIC jedes Jahr ein umfangreiches Workshop-Programm für Frauen, Jugendliche und Religionsführer, um präventiv Gewalt zu verhindern. Themen sind Friedensbildung, Konfliktanalyse und -transformation, genauso wie interreligiöse  Verständigung.

Seit mehr als vier Jahrzehnten entladen sich im Bundesstaat Kaduna in der nördlichen Mitte Nigerias immer wieder gewaltsame ethnisch-religiöse Konflikte. Tausende Menschen sind bereits dabei gestorben. Kaduna ist heute eine geteilte Stadt bzw. ein geteilter Bundesstaat: Christ*innen leben in den Vierteln im Süden, Muslim*innen im Norden. Die Gewalt hat das einst gute Verhältnis zwischen den beiden Religionsgemeinschaften schwer beschädigt. Ursächlich geht es bei den Zusammenstößen meist um Ressourcen, aber auch um politische Macht und die Wahrung von Privilegien. Die zunehmende Klimaerwärmung verschärft Konflikte um Ackerland und Weideflächen zwischen Bauern und nomadischen Viehhirten. Hinzu kommt das rasante Bevölkerungswachstum des jetzt schon bevölkerungsreichsten Landes Afrikas.

Bei einem schwerbewaffneten Angriff auf Bauerndörfer im Landkreis Kajuru nahe der Stadt Kaduna erlebten Bewohner*innen 2019, wie ihre Familienangehörigen erschossen, mit Macheten getötet oder verstümmelt wurden. Rahila Godwin versuchte vergeblich, mit ihren zwei Kindern zu fliehen. Ihr achtjähriger Sohn wurde vor ihren Augen ermordet. Mit einer Machete hackten die Täter ihr den Unterarm ab. Rahilas vierjährige Tochter Peace musste alles mitansehen und ist seither schwer traumatisiert. Fast jeder im Dorf kann ähnliche Geschichten erzählen, Häuser, Ernten und Gewerbe sind vernichtet. Fast täglich kommt es zu brutalen Überfällen mit Toten. Oft entführen kriminelle Banden einfache Menschen, um von Angehörigen Geld zu erpressen.

Mehrfach haben Frauen des WIC die Dörfer trotz der riskanten Autofahrt durch die unsichere Region bereits aufgesucht. Seit dem Anschlag halten sie den Kontakt mit der Dorfgemeinschaft in Kajuru, aber auch zu anderen betroffenen Siedlungen. Viele Gemeinschaften haben Ähnliches erlebt. Für Frauen wie Rahila Godwin und ihre Tochter Peace konnte WIC sichere Unterkünfte in Kaduna finden. Die Initiative half ihr, einen kleinen Straßenstand einzurichten. Auch Armprothesen für Rahila Godwin und andere Frauen konnte WIC beschaffen. Für betroffene Gemeinschaften in Kajuru organisierte WIC ein Ärzte- und Schwesternteam für die medizinische Versorgung, aber auch für psychologische Hilfe. Zu Treffen erscheinen meist viel mehr Betroffene als erwartet, um von ihren Traumata und Erfahrungen zu berichten. Für die am
schwersten traumatisierten Menschen konnte das Team von WICtherapeutische Hilfe in einem Krankenhaus organisieren.

Das WIC entstand im Jahr 2010 auf Initiative der irischen Ordensfrau Kathleen McGarvey. Sie wollte gemeinsam mit den Frauen in Kaduna die tiefen Gräben zwischen den Gemeinschaften überwinden, wofür sich einflussreiche Frauen beider Religionen begeistern ließen. Heute besteht die von Laiinnen getragene Initiative aus 23 christlichen und muslimischen Frauenverbänden mit insgesamt rund 12.650 Frauen. Als McGarvey nach Irland zurückkehrte, übernahm 2019 die Nigerianerin Schwester Veronica Onyeanisi die Hauptgeschäftsführung. Elisabeth Abuk ist die christliche Koordinatorin und die Muslimin Amina Kazaure leitet das Gesamtprogramm. Das WIC ist eine Nichtregierungsorganisation, wird finanziell von der „King Abdullah bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue“ (KAICIID) sowie dem katholischen Hilfswerk „missio Aachen e.V.“ unterstützt und ist mit zahlreichen Friedensorganisationen vernetzt.

Der Aachener Friedenspreis für das WIC möchte den interreligiösen Dialog als Weg des friedlichen Zusammenlebens betonen sowie den Mut und dieEntschlossenheit der Frauen unterstützen, die sich in der patriarchalischen Gesellschaft Nigerias behaupten und füreinander einsetzen. Wir wollen mit der Auszeichnung alle Frauen des Women’s Interfaith Council ermutigen und das Ansehen der Initiative innerhalb Nigerias und international stärken. Das Schicksal und mutige Handeln der vielen Frauen, die sich trotz Gewalterfahrungen unermüdlich für ein friedliches Zusammenleben von Christ*innen und Muslim*innen stark machen, wird gesehen und wertgeschätzt.

21. September 2021

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Centro Gaspar Garcia de Direitos Humanos (Zentrum für Menschenrechte Gaspar garcia) (Brasilien)

Foto: MISEREOR

vertreten durch Sozialarbeiter Benedito Roberto Barbosa, genannt Ditto

Die Preisverleihung an das CGG können Sie auf dieser Seite verfolgen.

Das Centro Gaspar Garcia (CGG) entstand im Jahre 1988 aus der Empörung über Gewalt gegen die arme Bevölkerung und strukturelle Ungerechtigkeit in São Paulo. Es ist nach dem nicaraguanischen Priester und Menschenrechtsaktivisten Gaspar Garcia benannt und handelt nach dem Grundsatz: „Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden, ohne Frieden gibt es keine soziale Gerechtigkeit“.

Situation in São Paulo

Die Metropolregion Grande São Paulo ist mit über 21 Millionen Einwohner*innen (Knapp zehn Prozent aller Brasilianer*innen) eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Ein dramatischer Mangel an Wohnraum und horrende Mietpreise sind die Folge. Mehr als drei Millionen Menschen leben in São Paulo derzeit in prekären Wohnverhältnissen, über 15.000 sind obdachlos – Tendenz steigend. Immer wieder kommt es seitens der Stadtverwaltung zu Zwangsräumungen und Vertreibungen. Den traurigen Höhepunkt dieser Entwicklungen markiert die Ermordung eines Obdachlosen im Januar dieses Jahres.

 

Favela 21 de Abril auf dem besetzen Grundstück eines ehemaligen Krankenhauses, Sao Paulo, Brasilien; Foto: Florian Kopp / Misereor

Unter der rechts-konservativen Regierung von Jair Bolsonaro fehlt der politische Wille, die Situation der Gewalt und sozialen Ungleichheit strukturell zu verändern. Wegen der Wirtschaftskrise wird die Armutsbekämpfung politisch nicht mehr forciert, Sozialausgaben werden gekürzt, die Rechte der Indigenen beschnitten und die soziale Spaltung im Land verschärft. Die Arbeitslosenzahlen in Brasilien haben sich zwischen 2013 und 2017 verdoppelt. Insbesondere in São Paulo nimmt deshalb die Disparität zwischen dem Wohlstand im Zentrum und der extremen Armut in der Peripherie stetig zu: Die Armen werden immer weiter aus der Stadt herausgedrängt, das Recht auf menschenwürdiges Wohnen marginalisiert.

Rechtlicher Beistand

Das CGG leistet rechtlichen Beistand und sensibilisiert öffentliche Entscheidungsträger*innen. So hat es in den letzten Jahren über 13.000 Familien in prekären Wohnverhältnissen vor den häufig gewaltbegleiteten Zwangsvertreibungenbewahrt. Jährlich betreut das CGG außerdem mehr als 500 Obdachlose sozialpsychologisch. Über das Reintegrationsprojekt Reviravolta wird ihnen der ansonsten nahezu unmögliche Wiedereinstieg in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt ermöglicht. Darüber hinaus bietet das vom CGG gegründete Forum der Straßenhändler*innen eine Anlaufstelle für knapp 2.000 Personen, insbesondere Frauen. Daraus entwickelten sich u.a. drei Verbände, in denen die alltägliche Gewalt und Willkür gegenüber Frauen thematisiert und Verbesserungsvorschläge diskutiert werden. Von dem Engagement profitieren außerdem 120 Müllsammler*innen einer Müllrecycling#Kooperative, die im Übrigen einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das große Müllproblem der Stadt zu verringern.

In seiner Geschäftsstelle beschäftigt das CGG derzeit 20 Mitarbeitende. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit mit zahlreichen Personen aus Universitäten, öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen. Darüber hinaus gibt es unzählige Unterstützer*innen auf allen Ebenen, die für die zivile Gewaltbearbeitung und Menschenrechtsarbeit des CGG sensibilisiert sind. Benedito Barbosa ist beim CGG als Anwalt für die Bürgerbewegung angestellt. Er ist als Sozialarbeiter der Anwalt der Bewegung für Würdiges Wohnen und betreut insbesondere die Menschen, die einer informellen Arbeit nachgehen. Ebenso engagiert er sich, um Vertreibungen zu verhindern, Landtitel zu erkämpfen, Bleiberechte durchzusetzen und die Selbstverwaltung der Menschen zu unterstützen.

Viele lokale Geldgeber*innen unterstützen das CGG und zeigen damit die gute zivilgesellschaftliche Verankerung der Arbeit. Dazu zählen das Sozialsekretariat der Gemeinde São Paulo sowie die Staatsanwaltschaft von São Paulo. Neben dem Hilfswerk MISEREOR verfügt das CGG über weitere internationale Partner wie Christian Aid und die Ford Foundation. Ein fundamentaler Grundsatz des CGG ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit im Sinne des 17. Nachhaltigkeitsziels der Vereinten Nationen. Das CGG ist daher eng mit anderen Nichtregierungsorganisationen, sozialen Bewegungen sowie öffentlichen und kirchlichen Institutionen vernetzt. Nur so kann nach Überzeugung der Aktiven ein gesamtgesellschaftlicher Veränderungsprozess gelingen.

Der Aachener Friedenspreis für CGG

Die Verleihung des Aachener Friedenspreises an das CGG wirft ein Schlaglicht auf soziale Ungleichheit und Menschenrechtsverletzungen. Dies sind nicht allein Probleme der Metropolregion São Paulo. Weltweit sorgen diese beiden Faktoren für Ungerechtigkeit und führen häufig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die vergangenen Jahre haben auch in Deutschland gezeigt, dass das Recht, in der Stadt zu leben, keine Selbstverständlichkeit ist. Die Folgen sind in São Paulo täglich sichtbar und das CGG kämpft hiergegen in vorbildlicher Weise. Die Auszeichnung soll Wertschätzung für Menschenrechtsarbeit ausdrücken und das CGG in der Konfliktbearbeitung und seinen Dialogprozessen mit Entscheidungsträger*innen bestärken.

 

(Bannerbild: MISEREOR)

21. September 2020

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