Aus dem Archiv:

Initiative 19. Februar Hanau und Bildungsinitiative Ferhat Unvar

„Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen!“ sind ihre Forderungen. Bei Mahnwachen, Kundgebungen und Beerdigungen versprachen sich die Angehörigen der Opfer der rassistischen Morde vom 19. Februar 2020 in Hanau, einander nicht allein zu lassen und die Namen der Opfer nicht dem Vergessen preiszugeben. Um ihrer Solidarität und den Forderungen nach Aufklärung und politischen Konsequenzen einen dauerhaften Ort zu geben, gründeten sie die Initiative 19. Februar Hanau. Der alltägliche Rassismus in der vermeintlich so offenen deutschen Gesellschaft, verkörpert durch einen rechtsextremen Verschwörungsideologen, tötete neun Menschen mit migrantichen Wurzeln in und vor einer Shisha-Bar, einer weiteren Bar sowie einem Kiosk und anschließend seine eigene Mutter. Sie starben alleine im Krankenhaus, wurden ohne Einwilligung obduziert und Kontakt zu den Toten gab es in einigen Fällen erst eine Woche nach der Tat.

Die Angehörigen von Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Welkov, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu und Said Nesar Hashemi fordern eine lückenlose Aufklärung und Konsequenzen. Sie decken Fehlverhalten der Sicherheitskräfte in der Tatnachtauf und kritisieren Ämter wegen bürokratischer Kälte, Verfahrensfehlern und Untätigkeit. Sie fragen, wieso die Staatsanwaltschaft nicht schon vor der Tat gegen den Täter ermittelte, obwohl seine antisemitischen Schriften vorlagen? Wieso durfte er, obwohl polizeibekannt, legal Waffen besitzen? Wieso wurde den Opfer-Angehörigen nicht kommuniziert, dass der ideologisch ähnlich verortete Vater des Täters die Herausgabe der Mordwaffe forderte? Wieso werden die Angehörigen nicht vor diesem Mann geschützt sondern ihrerseits aufgefordert, sich ihm nicht zu nähern, als ginge die Gefahr von ihnen aus?

Die Initiative will bewirken, dass derartige Ereignisse sich nie mehr wiederholen können. Sie adressieren wieder und wieder den strukturell-institutionellen Rassismus, der in Deutschland zum Normalzustand geworden ist. Zum ersten Jahrestag der Morde rief die Initiative trotz der Pandemie zu bundesweiten, kreativen Aktionen auf, um Protest gegen Rassismus auszudrücken. In unmittelbarer Nähe zu einem der Tatorte, in der Hanauer Krämerstraße 24, gründete die Initiative zudem ein soziales Zentrum als Ort für Begegnung und Beratung.

Am 14. November 2020 gründete Serpil Temiz Unvar, die Mutter eines der Mordopfer, die nach ihrem Sohn benannte Bildungsinitiative Ferhat Unvar. Die Initiative leistet Empowerment- und Aufklärungsarbeit gegen Rassismus. Dafür bietet sie u.a. in Schulen antirassistische Workshops an. Sie ist aber auch eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit Rassismus-Erfahrungen sowie deren Eltern. Geprägt von ihren persönlichen Erfahrungen möchte Serpil Temiz Unvar Jugendliche stärken, damit sie „Chancengleichheit infordern können“. Lehrerinnen und Lehrer unterstützt sie durch Sensibilisierungsworkshops. Die Gründungen des Begegnungszentrums und der Bildungsinitiative sind über Jahre mit immensen Kosten verbunden. Gerade in der Startphase sind öffentliche Unterstützung und Aufmerksamkeit dafür unverzichtbar, da beide Initiativen sich komplett aus Spenden finanzieren. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass rassistische Morde im Bewusstsein aller bleiben, damit sich das gesellschaftliche Klima verändert und rassistische Ressentiments nie wieder Menschenleben kosten. Bildung, Verständigung und Erinnerung als Weg zu friedlicher Veränderung sind essentiell, damit Konsequenzen gezogen werden und keine Verharmlosung von Rassismus und rechtem Terror mehr möglich ist.

Angehörige von Opfern sind oft traumatisiert und müssen Tag für Tag um ihre Entschädigung kämpfen. In dieser Situation nicht im eigenen Leid zu verharren sondern die gemeinsame Zukunft aller Menschen in den Blick zu nehmen, ist bemerkenswert. Der Aachener Friedenspreis für die Initiative 19. Februar Hanau und die Bildungsinitiative Ferhat Unvar möchte die mutigen Schritte der Angehörigenstärken und ein öffentliches Zeichen der Solidarität und Unterstützung setzen.
Wir müssen uns jeden Tag selbst reflektieren, wo auch wir rassistische Muster in uns tragen. Wir dürfen aber auch die Verharmlosung von rechten Umtrieben nicht länger tolerieren. Es ist wieder an der Zeit, öffentlich dagegen aufzustehen und für ein
solidarisches Miteinander zu streiten. Ganz nach der Initiative 19. Februar: „Wir wollen diesen Raum mit allen gestalten, egal welchen Pass, welche Hautfarbe oder welche Religion wir haben.“ und der Bildungsinitiative Ferhat Unvar: „Wir stehen für einen Raum der Aufklärung, des Zusammenhalts, der Bildung und für ein friedliches Zusammenleben mit einer Vielfalt an Religionen, Kulturen und Nationalitäten.

21. September 2021

Themen:

Mütter für eine Kultur des Friedens: die interreligiöse Fraueninitiative „Women’s Interfaith Council (WIC)“ aus Kaduna in Nigeria

Sie wollen nicht länger Opfer sein. Das Women’s Interfaith Council (WIC) setzt sich seit 2010 in der Krisenregion Kaduna für ein gewaltfreies Zusammenleben zwischen Christ*innen und Muslim*innen ein. Viele der Frauen sind Witwen, die mitansehen mussten, wie ihre Ehemänner  und Kinder ermordet wurden. Gemeinsam wollen sie den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen. Gezielt wenden sie sich gegen den Missbrauch ihrer Religion für politische Zwecke und fordern Mitsprache beiEntscheidungsprozessen in ihren männer#dominierten Gemeinschaften. „Weder das Christentum noch der Islam unterstützen, dass Gläubige getötet, entmenschlicht oder erniedrigt werden. Wir haben gemeinsame Werte. Sie alle führen uns zum Frieden“, sagt Amina Kazaure, Leiterin des Gesamtprogramms.

Nach Anschlägen auf Dorfgemeinschaften oder  Einzelpersonen suchen christliche und muslimische Frauen des Women’s Interfaith Council, (WIC) Betroffene auf und kümmern sich um die Opfer. Sie leisten emotionalen Beistand und organisieren mit ihren begrenzten Mitteln Hilfe. Neben diesen Einsätzen vor Ort organisiert WIC jedes Jahr ein umfangreiches Workshop-Programm für Frauen, Jugendliche und Religionsführer, um präventiv Gewalt zu verhindern. Themen sind Friedensbildung, Konfliktanalyse und -transformation, genauso wie interreligiöse  Verständigung.

Seit mehr als vier Jahrzehnten entladen sich im Bundesstaat Kaduna in der nördlichen Mitte Nigerias immer wieder gewaltsame ethnisch-religiöse Konflikte. Tausende Menschen sind bereits dabei gestorben. Kaduna ist heute eine geteilte Stadt bzw. ein geteilter Bundesstaat: Christ*innen leben in den Vierteln im Süden, Muslim*innen im Norden. Die Gewalt hat das einst gute Verhältnis zwischen den beiden Religionsgemeinschaften schwer beschädigt. Ursächlich geht es bei den Zusammenstößen meist um Ressourcen, aber auch um politische Macht und die Wahrung von Privilegien. Die zunehmende Klimaerwärmung verschärft Konflikte um Ackerland und Weideflächen zwischen Bauern und nomadischen Viehhirten. Hinzu kommt das rasante Bevölkerungswachstum des jetzt schon bevölkerungsreichsten Landes Afrikas.

Bei einem schwerbewaffneten Angriff auf Bauerndörfer im Landkreis Kajuru nahe der Stadt Kaduna erlebten Bewohner*innen 2019, wie ihre Familienangehörigen erschossen, mit Macheten getötet oder verstümmelt wurden. Rahila Godwin versuchte vergeblich, mit ihren zwei Kindern zu fliehen. Ihr achtjähriger Sohn wurde vor ihren Augen ermordet. Mit einer Machete hackten die Täter ihr den Unterarm ab. Rahilas vierjährige Tochter Peace musste alles mitansehen und ist seither schwer traumatisiert. Fast jeder im Dorf kann ähnliche Geschichten erzählen, Häuser, Ernten und Gewerbe sind vernichtet. Fast täglich kommt es zu brutalen Überfällen mit Toten. Oft entführen kriminelle Banden einfache Menschen, um von Angehörigen Geld zu erpressen.

Mehrfach haben Frauen des WIC die Dörfer trotz der riskanten Autofahrt durch die unsichere Region bereits aufgesucht. Seit dem Anschlag halten sie den Kontakt mit der Dorfgemeinschaft in Kajuru, aber auch zu anderen betroffenen Siedlungen. Viele Gemeinschaften haben Ähnliches erlebt. Für Frauen wie Rahila Godwin und ihre Tochter Peace konnte WIC sichere Unterkünfte in Kaduna finden. Die Initiative half ihr, einen kleinen Straßenstand einzurichten. Auch Armprothesen für Rahila Godwin und andere Frauen konnte WIC beschaffen. Für betroffene Gemeinschaften in Kajuru organisierte WIC ein Ärzte- und Schwesternteam für die medizinische Versorgung, aber auch für psychologische Hilfe. Zu Treffen erscheinen meist viel mehr Betroffene als erwartet, um von ihren Traumata und Erfahrungen zu berichten. Für die am
schwersten traumatisierten Menschen konnte das Team von WICtherapeutische Hilfe in einem Krankenhaus organisieren.

Das WIC entstand im Jahr 2010 auf Initiative der irischen Ordensfrau Kathleen McGarvey. Sie wollte gemeinsam mit den Frauen in Kaduna die tiefen Gräben zwischen den Gemeinschaften überwinden, wofür sich einflussreiche Frauen beider Religionen begeistern ließen. Heute besteht die von Laiinnen getragene Initiative aus 23 christlichen und muslimischen Frauenverbänden mit insgesamt rund 12.650 Frauen. Als McGarvey nach Irland zurückkehrte, übernahm 2019 die Nigerianerin Schwester Veronica Onyeanisi die Hauptgeschäftsführung. Elisabeth Abuk ist die christliche Koordinatorin und die Muslimin Amina Kazaure leitet das Gesamtprogramm. Das WIC ist eine Nichtregierungsorganisation, wird finanziell von der „King Abdullah bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue“ (KAICIID) sowie dem katholischen Hilfswerk „missio Aachen e.V.“ unterstützt und ist mit zahlreichen Friedensorganisationen vernetzt.

Der Aachener Friedenspreis für das WIC möchte den interreligiösen Dialog als Weg des friedlichen Zusammenlebens betonen sowie den Mut und dieEntschlossenheit der Frauen unterstützen, die sich in der patriarchalischen Gesellschaft Nigerias behaupten und füreinander einsetzen. Wir wollen mit der Auszeichnung alle Frauen des Women’s Interfaith Council ermutigen und das Ansehen der Initiative innerhalb Nigerias und international stärken. Das Schicksal und mutige Handeln der vielen Frauen, die sich trotz Gewalterfahrungen unermüdlich für ein friedliches Zusammenleben von Christ*innen und Muslim*innen stark machen, wird gesehen und wertgeschätzt.

21. September 2021

Themen:

Centro Gaspar Garcia de Direitos Humanos (Zentrum für Menschenrechte Gaspar garcia) (Brasilien)

Foto: MISEREOR

vertreten durch Sozialarbeiter Benedito Roberto Barbosa, genannt Ditto

Die Preisverleihung an das CGG können Sie auf dieser Seite verfolgen.

Das Centro Gaspar Garcia (CGG) entstand im Jahre 1988 aus der Empörung über Gewalt gegen die arme Bevölkerung und strukturelle Ungerechtigkeit in São Paulo. Es ist nach dem nicaraguanischen Priester und Menschenrechtsaktivisten Gaspar Garcia benannt und handelt nach dem Grundsatz: „Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden, ohne Frieden gibt es keine soziale Gerechtigkeit“.

Situation in São Paulo

Die Metropolregion Grande São Paulo ist mit über 21 Millionen Einwohner*innen (Knapp zehn Prozent aller Brasilianer*innen) eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Ein dramatischer Mangel an Wohnraum und horrende Mietpreise sind die Folge. Mehr als drei Millionen Menschen leben in São Paulo derzeit in prekären Wohnverhältnissen, über 15.000 sind obdachlos – Tendenz steigend. Immer wieder kommt es seitens der Stadtverwaltung zu Zwangsräumungen und Vertreibungen. Den traurigen Höhepunkt dieser Entwicklungen markiert die Ermordung eines Obdachlosen im Januar dieses Jahres.

 

Favela 21 de Abril auf dem besetzen Grundstück eines ehemaligen Krankenhauses, Sao Paulo, Brasilien; Foto: Florian Kopp / Misereor

Unter der rechts-konservativen Regierung von Jair Bolsonaro fehlt der politische Wille, die Situation der Gewalt und sozialen Ungleichheit strukturell zu verändern. Wegen der Wirtschaftskrise wird die Armutsbekämpfung politisch nicht mehr forciert, Sozialausgaben werden gekürzt, die Rechte der Indigenen beschnitten und die soziale Spaltung im Land verschärft. Die Arbeitslosenzahlen in Brasilien haben sich zwischen 2013 und 2017 verdoppelt. Insbesondere in São Paulo nimmt deshalb die Disparität zwischen dem Wohlstand im Zentrum und der extremen Armut in der Peripherie stetig zu: Die Armen werden immer weiter aus der Stadt herausgedrängt, das Recht auf menschenwürdiges Wohnen marginalisiert.

Rechtlicher Beistand

Das CGG leistet rechtlichen Beistand und sensibilisiert öffentliche Entscheidungsträger*innen. So hat es in den letzten Jahren über 13.000 Familien in prekären Wohnverhältnissen vor den häufig gewaltbegleiteten Zwangsvertreibungenbewahrt. Jährlich betreut das CGG außerdem mehr als 500 Obdachlose sozialpsychologisch. Über das Reintegrationsprojekt Reviravolta wird ihnen der ansonsten nahezu unmögliche Wiedereinstieg in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt ermöglicht. Darüber hinaus bietet das vom CGG gegründete Forum der Straßenhändler*innen eine Anlaufstelle für knapp 2.000 Personen, insbesondere Frauen. Daraus entwickelten sich u.a. drei Verbände, in denen die alltägliche Gewalt und Willkür gegenüber Frauen thematisiert und Verbesserungsvorschläge diskutiert werden. Von dem Engagement profitieren außerdem 120 Müllsammler*innen einer Müllrecycling#Kooperative, die im Übrigen einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das große Müllproblem der Stadt zu verringern.

In seiner Geschäftsstelle beschäftigt das CGG derzeit 20 Mitarbeitende. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit mit zahlreichen Personen aus Universitäten, öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen. Darüber hinaus gibt es unzählige Unterstützer*innen auf allen Ebenen, die für die zivile Gewaltbearbeitung und Menschenrechtsarbeit des CGG sensibilisiert sind. Benedito Barbosa ist beim CGG als Anwalt für die Bürgerbewegung angestellt. Er ist als Sozialarbeiter der Anwalt der Bewegung für Würdiges Wohnen und betreut insbesondere die Menschen, die einer informellen Arbeit nachgehen. Ebenso engagiert er sich, um Vertreibungen zu verhindern, Landtitel zu erkämpfen, Bleiberechte durchzusetzen und die Selbstverwaltung der Menschen zu unterstützen.

Viele lokale Geldgeber*innen unterstützen das CGG und zeigen damit die gute zivilgesellschaftliche Verankerung der Arbeit. Dazu zählen das Sozialsekretariat der Gemeinde São Paulo sowie die Staatsanwaltschaft von São Paulo. Neben dem Hilfswerk MISEREOR verfügt das CGG über weitere internationale Partner wie Christian Aid und die Ford Foundation. Ein fundamentaler Grundsatz des CGG ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit im Sinne des 17. Nachhaltigkeitsziels der Vereinten Nationen. Das CGG ist daher eng mit anderen Nichtregierungsorganisationen, sozialen Bewegungen sowie öffentlichen und kirchlichen Institutionen vernetzt. Nur so kann nach Überzeugung der Aktiven ein gesamtgesellschaftlicher Veränderungsprozess gelingen.

Der Aachener Friedenspreis für CGG

Die Verleihung des Aachener Friedenspreises an das CGG wirft ein Schlaglicht auf soziale Ungleichheit und Menschenrechtsverletzungen. Dies sind nicht allein Probleme der Metropolregion São Paulo. Weltweit sorgen diese beiden Faktoren für Ungerechtigkeit und führen häufig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die vergangenen Jahre haben auch in Deutschland gezeigt, dass das Recht, in der Stadt zu leben, keine Selbstverständlichkeit ist. Die Folgen sind in São Paulo täglich sichtbar und das CGG kämpft hiergegen in vorbildlicher Weise. Die Auszeichnung soll Wertschätzung für Menschenrechtsarbeit ausdrücken und das CGG in der Konfliktbearbeitung und seinen Dialogprozessen mit Entscheidungsträger*innen bestärken.

 

(Bannerbild: MISEREOR)

21. September 2020

Themen:

Père Antoine Exelmans (Marokko)

Foto: Kirchenkreis Jülich

Die Preisverleihung an Père Antoine Exelmans  können Sie auf dieser Seite verfolgen.

Der französische katholische Priester Père Antoine Exelmans ist seit 3 ½ Jahren in Marokko. In Oujda, direkt an der algerischen Grenze, unterstützt er durch sein Engagement Menschen auf der Flucht. Von dort kommen die weitaus meisten Flüchtlinge ins Land und das Geschäft mit der Migration hat sich etabliert. Flüchtlinge leiden unter Misshandlungen, Gewalt, Erpressung und Menschenhandel. Père Antoine ist der Welt und den Menschen sehr zugewandt. Ohne Anschauung von Herkunft, Geschlecht oder Religion begleitet er insbesondere vulnerable Personen und setzt sich für Gerechtigkeit ein.

Zusammen mit seinem Team bemüht sich Père Antoine, Migrant*innen zu befreien und in Sicherheit zu bringen, die von Kriminellen gefangen gehalten werden. In seinem Gemeindezentrum finden sie eine sichere Notunterkunft, medizinische Versorgung und Beratung. Wenn im Winter das Gemeindezentrum für den Andrang der Schutzsuchenden nicht ausreicht, öffnet er die Kirche selbst als Schlafplatz. Seit 2018 ermöglichen er und sein Team, das Zentrum 24 Stunden jeden Tag im Jahr zu öffnen, damit Flüchtlinge in Not dort jederzeit eine Bleibe und Hilfe finden können.

Berufausbildungsmöglichkeiten für Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge

Foto: Kirchenkreis Jülich

Er unterstützt und berät die Flüchtlinge, wenn sie beim UNHCR einen Asylantrag stellen wollen oder Probleme mit der Botschaft ihres Landes haben. Dazu gehört auch, sie sicher dorthin zu bringen und sicher zurückzuholen. Er kümmert sich um die physische und psychische Gesundung der Vielen, die durch die manchmal jahrelange Flucht mit oft schrecklichen Erlebnissen traumatisiert sind. Bei den Jüngeren setzt er sich dafür ein, sie in das marokkanische Berufsbildungssystem zu integrieren. Im Rahmen eines ökumenischen Projekts half er dabei, für 15 Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge pro Jahr eine Berufsausbildungsmöglichkeit zu schaffen. Als in den ersten vier Monaten des Projekts mehr als 110 Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge um Hilfe baten, nahm er sie auf und sorgte dafür, dass die Kapazitäten für so viele Menschen angepasst wurden. Finanziell holte er Caritas International in Rabat ins Boot und initiierte außerdem ein Team von Freiwilligen, um die jungen Menschen zu unterstützen.

Père Antoine lebt mitten unter den Jugendlichen, begleitet sie, ist stets für sie da und isst mit ihnen, ganz egal woher sie kommen und ganz egal ob sie einer Religion angehören oder nicht. Sein Engagement begründet er mit Matthäus 25: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war nackt und ihr habt mich gekleidet…..“. Exelmans sagt: „Wenn unsere westlichen Gesellschaften Migration und den Islam verstehen wollen, müssen sie zumindest eine Zeitlang in Marokko leben.“ Ihm ist wichtig, sich für die Ärmsten der Armen einzusetzen, die am meisten leiden und keine Stimme haben.

Als Generalvikar (Vertreter des Kardinals und des Erzbischofs von Rabat Cristobal Lopez) arbeitet er auch wissenschaftlich zu Migration und interreligiösem Dialog. Zuvor war er Direktor des ökumenischen Instituts Al Mowafaqa in Rabat, in dem katholische und evangelische Studenten in christlicher Theologie ausgebildet werden, aber auch intensiv den Islam und den interreligiösen Dialog kennenlernen können.

Wie soll der Aachener Friedenspreis Père Antoine Exelmans unterstützen?

Der Aachener Friedenspreis möchte Père Antoine Exelmans und seinen selbstlosen Einsatz würdigen, aber auch erneut das Thema Flucht und Geflüchtete ins Bewusstsein rücken. Schon auf dem afrikanischen Kontinent, lange bevor Menschen auf der Flucht das Mittelmeer erreichen und damit in unsere medial geprägte Wahrnehmung gelangen, sind sie zahllosen Gefahren, unfassbarer Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt. Auf ihrem Weg treffen sie auf Menschen wie Exelmans, die ihr Möglichstes tun, um das schlimmste Leid zu verhindern oder zumindest zu lindern. Dies kann jedoch alles nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere einzige Möglichkeit letztendlich die Beseitigung aller Fluchtursachen ist, also die Beendigung von Kriegen und Konflikten, die Armutsbekämpfung, Gesundheitsversorgung und Klimagerechtigkeit.

21. September 2020

Themen:

Initiativkreis gegen Atomwaffen in Büchel – namentlich Elke Koller & die Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt – namentlich Marion Küpker (Deutschland)

Auf dem Fliegerhorst in Büchel/Eifel lagern die letzten ca. 20 US-Atomwaffen des Typs B 61 auf deutschem Boden als Relikte des Kalten Krieges und der nuklearen Teilhabe Deutschlands in der Nato. Seit 1996 setzt sich der „Initiativkreis gegen Atomwaffen“ vor Ort nicht nur für den Abzug der US-Atombomben, sondern auch für die weltweite Abschaffung von Atomwaffen ein.

Zu den treibenden Kräften dieses Initiativkreises gehört seit jeher Elke Koller. Sie ist das lokale Gesicht der Initiative. Zusammen mit ihren MitstreiterInnen aus der Gewaltfreien Aktion Atomwaffen Abschaffen organisiert sie seit 1996 alljährlich regelmäßig vor Ort stattfindende Proteste, Aktionen zivilen Ungehorsams und Demonstrationen. Es gelingt ihnen immer wieder, zu größeren Aktionen bundesweite und internationale Unterstützung von Friedensaktivisten zu finden.

Seit mehreren Jahren werden ihre Aktionen vor Ort von einem bundesweiten Netzwerk „Atomwaffen abschaffen-bei uns anfangen!“ mit der Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt!“ aktiv unterstützt, dem sich zahlreiche Gruppen angeschlossen haben. Diese Proteste wurden ab 2014 auf mehrwöchige Blockaden des Atomwaffenstützpunktes Büchel ausgedehnt – mit zahlreichen Aktionen zivilen Ungehorsams und gewaltfreien Blockaden der Zufahrten. Seit 2016 findet alljährlich, beginnend jeweils am 26. März eine 20-wöchige Aktions-Präsenz bis zum 9. August am NATO-Flughafen statt. Die 20 Wochen stehen jeweils für die ca. 20 in Büchel gelagerten Atombomben.

„Atomwaffen sind völkerrechtswidrig, und schon ihre Herstellung und die Forschung dafür haben verheerende Auswirkungen. Wir müssen endlich erreichen, dass diese schrecklichen Waffen wegkommen“, sagt Elke Koller. Um dies zu erreichen, reichte sie sogar eine Klage gegen die Bundesregierung ein, die im Mai 2013 jedoch als unzulässig von den Gerichten abgewiesen wurde. Seit Jahren bestimmt der Protest gegen die Bücheler Atomwaffen ihre Arbeit. Unentwegt zeigt sie Flagge gegen die Atomwaffen in Büchel.

Vor Ort sind Elke Koller und ihre MitstreiterInnen der Gruppe immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Denn statt vor den Bomben haben viele Menschen der Region Angst um ihre Arbeitsplätze, falls die Atomwaffen abgezogen werden sollten. Rund 1000 Soldaten sowie etwa 600 Zivilbeschäftigte arbeiten im Fliegerhorst. Doch die Mitglieder des Initiativkreises ließen sich davon nie beirren und machten weiter

Die Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“ wird von dem 1994 gegründeten Trägerkreis „Atomwaffen abschaffen-bei uns anfangen!“ getragen, dem bundesweit 68 Mitgliedsorganisationen angehören. Seit 1994 setzt sich der Trägerkreis für eine Ächtung von Atomwaffen und eine atomwaffenfreie Welt ein. Er fordert insbesondere den sofortigen Abzug aller Atomwaffen, die sich auf deutschem Boden befinden.

Marion Küpker ist die internationale Koordinatorin der DFG-VK gegen Atomwaffen und im Kampagnenrat Sprecherin von „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“. Sie engagiert sich seit vielen Jahren in außerordentlichem Maße auch durch ihre persönliche Präsenz in Büchel und ist maßgebend an der Organisation der dortigen Protestaktionen mitbeteiligt.Die politischen Rahmenbedingungen für den Abzug der Atomwaffen haben sich aktuell indes noch weiter verschlechtert. Während es im Koalitionsvertrag von 2009 noch hieß, die Bundesregierung werde sich für den Abzug dieser Atomwaffen einsetzen, misst die schwarz-rote Koalition dem seit Jahren keine Priorität mehr bei. CDU und SPD bekennen sich zwar zum Ziel einer „Welt ohne Kernwaffen“. Dass dies leere Worte sind, bewies Deutschland jedoch bei der Abstimmung über eine Resolution für ein weltweites Verbot von Atomwaffen in der UN, als Deutschland aus den Verhandlungen gegen den Verbotsvertragsentwurf ausstieg und sich bis heute weigert, den inzwischen von zahlreichen Staaten unterzeichneten UN-Atomwaffenverbotsvertrag ebenfalls zu unterzeichnen. Überdies hatte die Vorgängerregierung bereits im Mai 2012 dem US-amerikanischen Verlangen nach Modernisierung und Aufrüstung der in Büchel gelagerten Atomwaffen zugestimmt. Vorgesehen sind demnach zielgenauere Atombomben, die Präzisionsschläge ermöglichen, und damit erhöhen sich auch die militärischen Fähigkeiten. Und nicht zuletzt droht angesichts der jüngsten Aufkündigung des INF-Vertrages ein erneuter atomarer Rüstungswettlauf, was zwangsläufig mit einer erhöhten Kriegsgefahr einhergeht.


Angesichts dessen,

  • dass es inzwischen kein Tabu mehr ist, das Wort ’Atomkrieg’ in den Mund zu nehmen
    und eine verstärkte atomare Aufrüstung und sogar eine atomare Bewaffnung Deutschlands zu fordern
  • dass führende NATO-Kommandeure erklären, es sei zwar nicht zwingend, aber „sehr wahrscheinlich“, dass es zu einem Atomkrieg mit Russland kommen werde
  • dass aktuell die Modernisierung und Aufrüstung des Atomwaffenprogramms sowohl auf russischer als auch auf US-Seite massiv vorangetrieben wird (wobei Russland zwischen 2014 u. 2024 geschätzt 54 Mrd. US-Dollar für seine nuklearen Fähigkeiten ausgeben wird und die USA im selben Zeitraum geschätzt 355 Mrd. US-Dollar)

ist es dringender denn je seit den Zeiten des Kalten Krieges, das Thema ’Atomwaffen’ wieder ganz nach oben auf die politische Agenda zu setzen. Daher verleihen wir den Aachener Friedenspreis 2019 an die beiden Organisationen, die maßgebend die Proteste in Büchel tragen als ein wichtiges Signal, um sie in ihren politischen Forderungen zu unterstützen.

Der Initiativkreis wurde im November 2013 mit dem Preis für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung ausgezeichnet. Und im November 2018 wurden sowohl der Initiativkreis als auch die Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei jetzt!“ mit dem vom Evangelischen Kirchenkreis Oberhausen gestifteten Oberhausener Preis ausgezeichnet.

 


Wir freuen uns, Ihnen die Verleihung des Aachener Friedenspreises 2019 hier zum Nachsehen anbieten zu dürfen:
Alle Reden finden Sie in einzelnen Videos auch in in unserem Youtube-Channel

08. Mai 2019

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