Verleihung des Aachener Friedenspreises 2021 am 13.11. um 19 Uhr in der Aula Carolina

Im Jahr 2021 würdigt der Aachener Friedenspreis die Weigerung starker Menschen, sich in die Opferrolle zu fügen. „Unsere engagierten Preisträger*innen ziehen Mut und Kraft aus ihren eigenen Traumata und helfen Anderen bei der Bewältigung ihrer Rassismus– und Gewalterfahrungen“, sagt Lea Heuser, Pressesprecherin des Aachener Friedenspreis e.V.

Ausgezeichnet werden am 13.11.2021 in der Aula Carolina das Women’s Interfaith Council (WIC) aus Nigeria sowie die beiden Gruppen Initiative 19. Februar Hanau und Bildungsinitiative Ferhat Unvar, welche sich nach den rassistischen Morden in Hanau Kesselstadt gründeten. Das WIC steht für interreligiöse Solidarität unter Frauen in der männerdominierten und stark von Gewalt belasteten Gesellschaft Nigerias. Die Initiative 19. Februar und die Bildungsinitiative Ferhat Unvar leisten antirassistische Bildungsarbeit, kämpfen für eine lückenlose Aufklärung der Morde und haben ein Begegnungszentrum geschaffen, das nicht nur den unmitelbar Betroffenen beim Umgang mit dem strukturellen Rassismus in Deutschland helfen will.

Bei einer Pressekonferenz am 13.11.21 um 10 Uhr werden die Preisträger*innen anwesend sein und sich gern den Fragen der Medien stellen. Auch für Fotos und O-Töne stehen sowohl sie als auch Vertreter*innen des Aachener Friedenspreis e.V. gern zur Verfügung. Selbstverständlich sind Medienschaffende ebenso herzlich zur Preisverleihung eingeladen, welche am Abend des 13.10.2021 um 19 Uhr in der Aula Caronlina, Pontstr. 7 – 9 in 52062 Aachen stattfinden wird.

Die Preisverleihung mit Livepublikum unter 2G-Bedingungen wird auch online via Videostream zu verfolgen sein. Wegen der notwendigen 2G-Kontrollen beginnt der Einlass bereits um 18 Uhr. Den Link zum Stream gibt es auf der Homepage des Aachener Friedenspreis e.V. unter https://www.aachener-friedenspreis.de/

Die Preisträger*innen

Initiative 19. Februar Hanau und Bildungsinitiative Ferhat Unvar

Sie fordern „Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen“. Bei Mahnwachen, Kundgebungen und Beerdigungen versprachen sich die Angehörigen der Opfer der rassistischen Morde vom 19. Februar 2020 in Hanau, einander nicht allein zu lassen und die Namen der Opfer nicht dem Vergessen preiszugeben. Um ihrer Solidarität und den Forderungen nach Aufklärung und politischen Konsequenzen einen dauerhaften Ort zu geben, gründeten sie die Initiative 19. Februar Hanau[1]. Der alltägliche Rassismus in der vermeintlich so offenen deutschen Gesellschaft, verkörpert durch einen rechtsextremen Verschwörungsideologen, tötete neun Menschen mit migrantichen Wurzeln in und vor einer Shisha-Bar, einer weiteren Bar sowie einem Kiosk. Sie starben alleine im Krankenhaus, wurden ohne Einwilligung obduziert und Kontakt zu den Toten gab es in einigen Fällen erst eine Woche nach der Tat.

Die Angehörigen von Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Welkov, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu und Said Nesar Hashemi fordern eine lückenlose Aufklärung und Konsequenzen. Sie decken Fehlverhalten der Sicherheitskräfte in der Tatnacht auf und kritisieren Ämter wegen bürokratischer Kälte, Verfahrensfehlern und Untätigkeit. Sie fragen, wieso die Staatsanwaltschaft nicht schon vor der Tat gegen den Täter ermittelte, obwohl seine antisemitischen Schriften vorlagen? Wieso durfte er, obwohl polizeibekannt, legal Waffen besitzen? Wieso wurde den Opfer-Angehörigen nicht kommuniziert, dass der ideologisch ähnlich verortete Vater des Täters die Herausgabe der Mordwaffe forderte? Wieso werden die Angehörigen nicht vor diesem Mann geschützt sondern ihrerseits aufgefordert, sich ihm nicht zu nähern, als ginge die Gefahr von ihnen aus?

Die Initiative will bewirken, dass derartige Ereignisse sich nie mehr wiederholen können. Sie adressieren wieder und wieder den strukturell-institutionellen Rassismus, der in Deutschland zum Normalzustand geworden ist. Zum ersten Jahrestag der Morde rief die Initiative trotz der Pandemie zu bundesweiten, kreativen Aktionen auf, um Protest gegen Rassismus auszudrücken. In unmittelbarer Nähe zu einem der Tatorte gründete sie zudem ein soziales Zentrum als Ort für Begegnung und Beratung.

Am 14. November 2020 gründete Serpil Temiz Unvar, die Mutter eines der Mordopfer, die nach ihrem Sohn benannte Bildungsinitiative Ferhat Unvar[2]. Die Initiative leistet Empowerment- und Aufklärungsarbeit gegen Rassismus. Dafür bietet sie u.a. in Schulen antirassistische Workshops an. Sie ist aber auch eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit Rassismus-Erfahrungen sowie deren Eltern. Geprägt von ihren persönlichen Erfahrungen möchte Serpil Temiz Unvar Jugendliche stärken, damit sie „Chancengleichheit einfordern können“. Lehrerinnen und Lehrer unterstützt sie durch Sensibilisierungsworkshops.

Die Gründungen des Begegnungszentrums und der Bildungsinitiative sind über Jahre mit immensen Kosten verbunden. Gerade in der Startphase sind öffentliche Unterstützung und Aufmerksamkeit dafür unverzichtbar, da beide Initiativen sich komplett aus Spenden finanzieren. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass rassistische Morde im Bewusstsein aller bleiben, damit sich das gesellschaftliche Klima verändert und rassistische Ressentiments nie wieder Menschenleben kosten. Bildung, Verständigung und Erinnerung als Weg zu friedlicher Veränderung sind essentiell, damit Konsequenzen gezogen werden und keine Verharmlosung von Rassismus und rechtem Terror mehr möglich ist. „Angehörige von Opfern sind oft traumatisiert und müssen Tag für Tag um ihre Entschädigung kämpfen. In dieser Situation nicht im eigenen Leid zu verharren sondern die gemeinsame Zukunft aller Menschen in den Blick zu nehmen, ist bemerkenswert“, kommentiert Lea Heuser, Pressesprecherin des Aachener Friedenspreis e.V.

Der Aachener Friedenspreis für die Initiative 19. Februar Hanau und die Bildungsinitiative Ferhat Unvar möchte die mutigen Schritte der Angehörigen stärken und ein öffentliches Zeichen der Solidarität und Unterstützung setzen. „Wir müssen uns jeden Tag selbst reflektieren, wo auch wir rassistische Muster in uns tragen. Wir dürfen aber auch die Verharmlosung von rechten Umtrieben nicht länger tolerieren“, erklärt Benedikt Kaleß vom Vorstand des Aachener Friedenspreis e.V. Es ist wieder an der Zeit, öffentlich gegen Rassismus und Ausgrenzung aufzustehen und für ein solidarisches Miteinander zu streiten. Ganz nach der Initiative 19. Februar: „Wir wollen diesen Raum mit allen gestalten, egal welchen Pass, welche Hautfarbe oder welche Religion wir haben.“ und der Bildungsinitiative Ferhat Unvar: „Wir stehen für einen Raum der Aufklärung, des Zusammenhalts, der Bildung und für ein friedliches Zusammenleben mit einer Vielfalt an Religionen, Kulturen und Nationalitäten.“

[1] https://19feb-hanau.org/kontakt/
[2] https://www.bildungsinitiative-ferhatunvar.de/

Mütter für eine Kultur des Friedens: die interreligiöse Fraueninitiative „Women’s Interfaith Council (WIC)“ aus Kaduna in Nigeria

Seit 2010 setzt sich das Women’s Interfaith Council (WIC) in der Krisenregion Kaduna für ein gewaltfreies Zusammenleben von Menschen christlichen und muslimischen Glaubens ein. Viele der engagierten Frauen erlebten, wie ihre Ehemänner und Kinder ermordet oder mit Macheten verstümmelt wurden. Auch viele Frauen selbst werden Opfer solcher Angriffe. Gemeinsam wollen sie den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen. Sie wenden sich gezielt gegen den Missbrauch ihrer Religion für politische Zwecke und fordern Mitsprache beiEntscheidungsprozessen in ihren männerdominierten Gemeinschaften. „Weder das Christentum noch der Islam unterstützen, dass Gläubige getötet, entmenschlicht oder erniedrigt werden. Wir haben gemeinsame Werte. Sie alle führen uns zum Frieden“, sagt Amina Kazaure, Leiterin des Gesamtprogramms.

Nach Anschlägen auf Dorfgemeinschaften oder Einzelpersonen suchen christliche und muslimische Frauen des WIC Betroffene auf. Sie leisten emotionalen Beistand und kümmern sich um Unterstützung wie sichere Unterkünfte, Prothesen und Therapien, aber auch Fortbildungen und Arbeit. Neben diesen Einsätzen vor Ort organisiert das WIC jedes Jahr ein umfangreiches Workshop-Programm für Frauen, Jugendliche und Religionsführer, um präventiv Gewalt zu verhindern. Themen sind Friedensbildung, Konfliktanalyse und -transformation, genauso wie interreligiöse Verständigung.

Seit mehr als vier Jahrzehnten entladen sich im Bundesstaat Kaduna in der nördlichen Mitte Nigerias immer wieder gewaltsame ethnisch-religiöse Konflikte, bei denen schon tausende Menschen getötet wurden. Stadt und Bundesstaat Kaduna sind heute geteilt: Christ*innen leben in den Vierteln im Süden, Muslim*innen im Norden. Die Gewalt hat das einst gute Verhältnis zwischen den beiden Religionsgemeinschaften schwer beschädigt. Ursächlich geht es bei den Zusammenstößen meist um Ressourcen, aber auch um politische Macht und die Wahrung von Privilegien. Die zunehmende Klimaerwärmung verschärft Konflikte um Ackerland und Weideflächen zwischen Bauern und nomadischen Viehhirten. Hinzu kommt das rasante Bevölkerungswachstum des jetzt schon bevölkerungsreichsten Landes Afrikas.

Das WIC entstand im Jahr 2010 auf Initiative der irischen Ordensfrau Kathleen McGarvey. Sie wollte gemeinsam mit den Frauen in Kaduna die tiefen Gräben zwischen den Gemeinschaften überwinden, wofür sich einflussreiche Frauen beider Religionen begeistern ließen. Heute besteht die von Laiinnen getragene Initiative aus 23 christlichen und muslimischen Frauenverbänden mit insgesamt rund 12.650 Frauen. Als McGarvey nach Irland zurückkehrte, übernahm 2019 die Nigerianerin Schwester Veronica Onyeanisi die Hauptgeschäftsführung. Elisabeth Abuk ist die christliche Koordinatorin und die Muslimin Amina Kazaure leitet das Gesamtprogramm. Das WIC ist eine Nichtregierungsorganisation, wird finanziell von der „King Abdullah bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue“ (KAICIID) sowie dem katholischen Hilfswerk „missio Aachen e.V.“ unterstützt und ist mit zahlreichen Friedensorganisationen vernetzt.

Der Aachener Friedenspreis für das WIC möchte den interreligiösen Dialog als Weg des friedlichen Zusammenlebens betonen sowie den Mut und die Entschlossenheit der Frauen unterstützen, die sich in der patriarchalen Gesellschaft Nigerias behaupten und füreinander einsetzen. „Wir wollen mit der Auszeichnung alle Frauen des Women’s Interfaith Council ermutigen und das Ansehen der Initiative innerhalb Nigerias und international stärken“, sagt Lea Heuser. „Das Schicksal und mutige Handeln der vielen Frauen, die sich trotz Gewalterfahrungen unermüdlich für ein friedliches Zusammenleben von Christ*innen und Muslim*innen stark machen, wird gesehen und wertgeschätzt.“

Hintergrund:

Seit 1988 zeichnet der Aachener Friedenspreis e.V. alljährlich Menschen und Gruppen aus, die an der Basis und oft aus benachteiligten Positionen heraus für Frieden und Verständigung arbeiten. Die Kriterien sind Teil der Gründungserklärung des Vereins“. Geehrt werden vor allem noch unbekannte Projekte oder Personen, die durch die öffentliche Aufmerksamkeit genauso viel Unterstützung erfahren wie durch das Preisgeld von jeweils 2.000 Euro. Eine Auszeichnung mit dem Aachener Friedenspreis verschafft Initiativen, die für den Frieden arbeiten nicht nur öffentliche Aufmerksamkeit sondern schützt bedrohte und in schwierigen Bedingungen arbeitende Gruppen dadurch auch vor Repressionen und Gewalt.

Der Preis ist meist zweigeteilt und geht entsprechend an zwei verschiedene Initiativen oder Einzelpersonen, die sich von unten für Frieden und Dialog zwischen Konfliktparteien einsetzen. Wer den mit jeweils 2.000 Euro dotierten Preis erhält,  entscheidet die Mitgliederversammlung des Vereins. Vorschläge kann aber jeder interessierte Mensch einbringen, egal ob Vereinsmitglied und egal ob aus Aachen oder nicht. Aus den eingehenden Vorschlägen wählt der Vorstand die fünf förderungswürdigsten aus und legt sie der Mitgliedschaft vor. Die Mitgliederversammlung wählt dann die letztendlichen Preisträgerinnen oder Preisträger.

25. Oktober 2021

Themen: Presse