Ziviler Ungehorsam und zivilgesellschaftliches Engagement: Verleihung des Aachener Friedenspreises 2018 an Peng! und Concern Universal Colombia

Am 1. September, dem internationalen Antikriegstag, wird auch in diesem Jahr der Aachener Friedenspreis verliehen. Ausgezeichnet werden zwei sehr unterschiedliche Gruppierungen, die sich einerseits subversiver Öffentlichkeitsarbeit und zivilem Ungehorsam, andererseits zivilgesellschaftlichem Engagement und dem Aufbau gemeinschaftlich verbindender Strukturen verschrieben haben.

Das Peng! Kollektiv ist seit mehreren Jahren aktiv und erscheint mit seinen kreativen, oft satirischen Aktionen immer wieder im Internet und den Medien. Zur Gruppe gehören Künstler*innen, Aktivist*innen, Handwerker*innen und Wissenschaftler*innen. Ihre Arbeit beschreiben sie als „explosives Gemisch aus Aktivismus, Hacking und Kunst im Kampf gegen die Barbarei unserer Zeit“.

Mit theatralischen under-cover-Auftritten infiltriert Peng! Veranstaltungen oder beruft gleich eigene, komplette Fake-Events wie eine Friedenspreisverleihung der Rüstungsindustrie ein. Künstlerisch anspruchsvolle Kampagnen des Kollektivs wollen die Öffentlichkeit erst verwirren und dann wachrütteln. Ungerechtigkeiten werden so angeprangert und politische Absurditäten entlarvt. Peng! versteht sich als Kontrapunkt zu den Werbeagenturen großer Konzerne. Überall, wo sich hinter hochglänzenden Fassaden dreckige Geschäfte verstecken und wo es Selbstdarstellungen, beispielsweise von Rüstungskonzernen oder der Bundeswehr geradezurücken gilt, legt das Kollektiv den Finger in die Wunde.

Die Aktivitäten der Gruppe erstrecken sich durch viele Politik- und Wirtschaftsbereiche. So nahm Peng! schon Hartz IV, skrupellose Vermieter*innen, das Deutsche Wahlrecht und die AFD aufs Korn. Ein klarer Schwerpunkt liegt aber auf Frieden. So startete Peng! eine vermeintlich aus der CDU-Basis initiierte Kampagne gegen Kleinwaffenexporte, verkündete den Rückruf aller Heckler & Koch Waffen in den USA, verlieh den Friedenspreis der Waffenindustrie an einen hochrangigen Rüstungsmanager und warnte mit einer Mock-up-Website mit einer zum verwechseln ähnlichen Adresse wie die einer Bundeswehr-Werbeseite vor den Gefahren des Krieges und der Deutschen Auslandseinsätze. Aauf der Internetseite; des Peng! Kollektivs findet sich eine lange Liste aller bisherigen Aktionen und Kampagnen.
Siobhan McGee aus Wales und Jaime Bernal aus der Kolumbianischen Stadt Mariquita sind als Geschäftsführerin und Programmleiter die treibende Kraft hinter dem Projekt Concern Universal Colombia. Die Entwicklungshelferin und der Lehrer lernten sich in den 1980er Jahren in einem Projekt in der Stadt Guayabal kennen. Sie arbeiteten mit Menschen, die aus der durch eine Vulkankatastrophe völlig zerstörten Stadt Armero geflüchtet waren. In einem von Geflüchteten gegründeten und auch von vielen amnestierten Guerilleros bewohnten Stadtteil bauten sie gemeinsam Friedens- und Gemeinwesenarbeit auf, nachdem es zu Konflikten zwischen Geflüchteten und der angestammten Bevölkerung gekommen war.

Concern Universal arbeitet seither daran, das friedliche Zusammenleben der Menschen zu fördern und die Lebensbedingungen für alle zu verbessern. Siobhan und Jaime sind überzeugt, dass nur durch Gerechtigkeit tragfähiger Frieden auf allen Ebenen möglich ist – niemals von oben herab, immer mit den Menschen. Sie initiierten den Aufbau von Kinderbetreuung, Seniorenbildung, Kleinstbetrieben, politische Bildung zu den Themen Menschenrechte, Frauenrechte und Kinderrechte sowie Bildungs- und Beratungsangebote für junge Männer, die zum Militärdienst eingezogen werden sollten. Diese Projekte werden mit großem Einsatz und Engagement von den inzwischen fast 100 Mitarbeitenden begleitet. Seit 1998 leisteten auch 18 Freiwillige aus Deutschland dort ihren Dienst für Frieden und Versöhnung.

Concern Universal Colombia arbeitet inzwischen in vielen Stadtteilen Ibagués und in der gesamten Provinz Tolima. Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit der FARC hat ihre Arbeit eine besondere Bedeutung. das Land befindet sich in einer Postkonfliktphase und die Umsetzung des Friedensvertrags wird seitens der Regierung nur schleppend betrieben. Der Staat ist in vielen Regionen Kolumbiens nicht anwesend, um Menschen zu beschützen. Allein im Jahr 2017 wurden weit über 100 Menschenrechtsaktivist*innen getötet. Jaime Bernal beteiligt sich auf Provinzebene (Friedenstisch – Mesa por la paz) und auf nationaler Ebene (Nationales Netzwerk in Demokratie und FriedenRed Nacional en Democratia y Paz) aktiv am Friedensprozess.

Die Laudatio auf die diesjährigen Preisträger*innen wird Hans-Christian Ströbele halten. Das streitbare Grüne Urgestein wird in freier Rede das Peng! Kollektiv und Concern Universal Colombia würdigen und die hoffentlich zahlreich erscheinende Aachener Bevölkerung mitreißen. Der Aachener Friedenspreis soll Anerkennung und Motivation für die ausgezeichneten Gruppen und Personen sein. Er will aber auch andere Menschen anspornen, sich für Frieden und sozialen Zusammenhalt einzusetzen. “Wenn mehr Menschen so mutig wären wie das Peng! Kollektiv und sich so für Chancen, Rechte und friedliches Zusammenleben ihrer Mitmenschen stark machen würden wie Siobhan McGee und Jaime Bernal, hätte die Menschheit weniger Probleme”, kommentiert Lea Heuser, Pressesprecherin des Aachener Friedenspreis e.V.

Der Aachener Friedenspreis wird seit 1988 jedes Jahr an Initiativen oder Einzelpersonen verliehen, die sich von unten für Frieden und Dialog zwischen Konfliktparteien einsetzen. Wer den mit jeweils 2.000 Euro dotierten Preis erhält, entscheidet die Mitgliederversammlung des Vereins. Vorschläge kann aber jeder interessierte Mensch einbringen, egal ob Vereinsmitglied und egal ob aus Aachen oder nicht. Traditionell am 08.05., dem Tag des Endes des zweiten Weltkrieges, werden die jeweiligen neuen Preisträger*innen vorgestellt. Die Preisverleihung findet dann in einem öffentlichen, feierlichen Akt am 01.09, dem internationalen Antikriegstag statt.

Ein kurzes Video über die Arbeit von Concern Universal Colombia gibt es hier.

Ein Selbstdarstellungs-Video des Peng! Kollektivs findet sich hier.

23. August 2018

Themen: Presse