Aus dem Archiv:

Peng! Kollektiv

Seit mehr als fünf Jahren sind sie mit Mut, Kreativität und Humor unterwegs. Immer wieder kann man in den Medien und im Internet die Aktivitäten der Gruppe verfolgen.

Peng! ist eine Gruppe von Künstlern, Aktivisten, Handwerkern und Wissenschaftlern aus Berlin. „Peng! ist ein explosives Gemisch aus Aktivismus, Hacking und Kunst im Kampf gegen die Barbarei unserer Zeit“, schreibt die Gruppe auf ihrer Website über sich selbst. Sie infiltrierten mit falschen Identitäten mehrmals Veranstaltungen als Akt zivilen Ungehorsams. Sie arbeiten beispielhaft mit ihren künstlerischen und technischen Ideen für eine andere, gerechtere und friedliche Welt. Sie prangern Ungerechtigkeit an und wenden sich gegen Krieg und Militarisierung sowie die Verführung junger Menschen für den Kriegsdienst
durch die Bundeswehr, ohne ihnen die Gefahren und Risiken zu vermitteln.

Und nochmals Peng! über sich selbst: „…Wir nutzen medienwirksame Wunderwaffen für radikale Botschaften. Peng! ist der Antagonist von Werbeagenturen großer Konzerne. Wir entlarven dreckige Geschäfte, die sich unter hochglänzender Werbung versteckt. Wir hinterfragen die Selbstdarstellung von Konzernen, politische Propaganda und konventionelle Mentalitäten mit subversiven Aktionen und zivilem Ungehorsam. Wir erkunden kreative Methoden für mutigen Protest und bestärken Zivilgesellschaft und etablierte NGOs darin, ihr konventionelles Campaigning um neue Werkzeuge zu erweitern…“

Einige ihrer Kampagnen, die in jüngster Zeit gestartet sind:

Wir haben der Waffenindustrie den Krieg erklärt
80% der Bevölkerung sind gegen Rüstungsexporte. Deshalb haben wir in drei Aktionen der deutschen Waffenindustrie den Kampf angesagt und 1. ihre politischen Unterstützer*innen enttarnt, 2. ihren Ruf ruiniert und 3. sie an die Öffentlichkeit gezerrt. Im Oktober 2016 trafen wir zufällig den damaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) im Zug und
baten ihn, das Thema Kleinwaffenexporte zum Wahlkampfthema zu machen. Sechs Monate später hat sich die SPD immer noch nicht klar zu dem Thema positioniert, deshalb haben wir es in die Hand genommen,
dem Thema Aufmerksamkeit zu widmen. Gemeinsam mit dem Schauspiel Dortmund haben wir über sechs Monate eine Kampagne entwickelt und überlegt, wie man die öffentlichkeitsscheue Waffenbranche demaskieren und eine Debatte über deutsche Waffenexporte anstoßen kann. Dabei entstanden drei Aktionen:
eine CDU Kampagne gegen Kleinwaffenexporte , ein Rückruf aller Heckler & Koch Waffen in den USA und die Verleihung des Friedenspreis der Waffenindustrie: https://pen.gg/de/campaign/artikel26/

CDU Petition
Bildrechte: Jessica_Graeber

Ein Gesetz gegen Waffenexporte für den Bundestag
Im Artikel 26 des Grundgesetz ist Deutschlands Verpflichtung zum Frieden verankert. „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig.“ Doch der Geist des Grundgesetzes wird von der laxen und intranspartenten Genehmigungspraxis von Rüstungsexporten verraten. Deutsche Waffen sind in fast allen Krisenregionen der Welt im Einsatz. Damit werden die Profite der Waffenindustrie vor dem friedenspolitischen Anspruch des Grundgesetzes und vor jegliche humanitären Werte gestellt. Wir brauchen ein starkes Bundesgesetz, das Rüstungsexporte reguliert.
Deshalb haben die Peng! Aktivisten fünf Gesetzesentwürfe geschrieben, um das Kriegswaffenkontrollgesetz zu einem wirksamen Instrument gegen die einflussreiche Waffenlobby zu verwandeln. Sie starteten eine Befragung im Internet. Die Abstimmung lief über sechs Wochen. Wenn ihr bei den Ergebnissen auf die jeweiligen Gesetzestexte klickt, könnt ihr die originalen Texte lesen: https://pen.gg/de/campaign/artikel26/

Wie wollen wir das Kriegswaffenkontrollgesetz verbessern?

  1. Volles Verbot (Gesetzestext) (56%, 1.062 Votes)
  2. Verbot der Ausfuhr von Kriegs- und Kleinwaffen in Drittstaaten ohne Ausnahme (Gesetzestext) (23%, 429 Votes)
  3. Verbot der Ausfuhr von Kriegs- und Kleinwaffen in Drittstaaten mit Ausnahme der Positivliste vom Bundestag (Gesetzestext) (17%, 326 Votes)
  4. Volles Verbot der Ausfuhr von Kleinwaffen, aber alles andere möglich (Gesetzestext) (0%, 9 Votes)
  5. Alles möglich, wenig Chance auf Ausfuhr in Drittstaaten plus Negativliste von Drittstaaten plus Endverbleibskontrolle (Gesetzestext) (4%, 70 Votes)
  6. Alles bleibt, wie es ist (Gesetzestext) (0%, 3 Votes) / Total Voters: 1.899

Peng!  und Schauspiel Dortmund fordern Exportstopp von Kleinwaffen
Im Namen der CDU Wählerbasis forderte das Peng!-Kollektiv mit einer Petition Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu auf, sich für einen Exportstopp von Kleinwaffen einzusetzen. Die Petition wurde schon am ersten Tag über 500 mal unterzeichnet.
„Angesichts der alarmierenden Entwicklung der deutschen Rüstungsexporte hielten wir es für angemessen, die CDU an ihre christlichen Wurzeln und den im Grundgesetz verankerten friedenspolitischen Anspruch zu erinnern.“ sagt Jessica Gräber, Sprecherin des Kollektivs. „Und auch wenn jetzt offenbar geworden ist, dass die Aktion nicht von der CDU Wählerbasis initiiert wurde, möchten wir weiterhin dazu aufrufen, die Petition zu unterstützen, denn das Thema ist aktuell wie nie.“ Das sehen nicht nur das Peng! Kollektiv und Schauspiel Dortmund so. Zwei wichtige christliche Organisationen haben sich jetzt dem Aufruf angeschlossen:
Pax Christi und Ohne Rüstung Leben.
„Kleinwaffen gelten als die Massenvernichtungswaffen der Gegenwart. Sie verursachen“, so der prominente Rüstungsgegner Jürgen Grässlin (Aachener Friedenspreisträger 2011), „etwa 90 Prozent aller Kriegsopfer weltweit.“ Mit Herstellern wie Heckler & Koch besetzt Deutschland eine prominente Position auf dem Weltmarkt von Kleinwaffen.
„Ein generelles Verbot von Kleinwaffenexporten wäre ein starkes Signal, dass die neue Regierung Ethik und Moral vor Profitinteresse zur Grundlage ihrer Waffenexportpolitik erhebt.“ so Jessica Gräber, Mitglied des Peng!-Kollektiv.

Peng! gegen skrupellose Vermieter Die Rückkehr der Entmieteten. (Nov. 2017)
Die Entmieteten kehren zurück, um diejenigen zu plagen, die sie auf die Straße gesetzt haben. Mit  einem Bot riefen Peng!-Mitglieder zwei Wochen lang bei skrupellosen Entmieter*innen an und haben sie mit den
Geschichten der Verdrängten konfrontiert: : https://pen.gg/de/campaign/hauntedlandlord/ Wo Profitmaximierung durch Aufwertung lockt, greifen viele Immobilienfirmen und Hauseigentümer*innen zu skrupellosen Mitteln, um sich ihrer alten Mieter*innen zu entledigen. Entmietungen sind unmenschlich und hinterlassen tiefe Spuren in den Leben der Betroffenen. Viele dieser Geschichten gehen unsichtbar über die Bühne und die Betroffenen bleiben mit den Problemen und ihrer Wut alleine zurück. Während Eigentümer*innen sich bereichern, werden Menschen durch Wohnungsnot in dramatische Lebenskrisen gestürzt und das soziale Geflecht von ganzen Stadteilen zerstört. Zwei Wochen lang riefen wir mit einem Bot auf den Büro- und Privatnummern besonders skrupelloser Immobilienfirmen und Hauseigentümer*innen an und konfrontierten sie mit den Schicksalen der von ihnen verdrängten Menschen. Die Geister der Vergangenheit kehrten zurück, um ihre ehemaligen Vermieter*innen heimzusuchen.

Bundeswehr-Hack
Am 23. November 2015 startete das Kollektiv eine bundesweite Gegenkampagne zur Bundeswehrwerbung der Agentur Castenow. Sie bauten eine Mock-up-Website mit einem ähnlich klingenden Domain-Namen, auf der vor den Gefahren des Krieges und der Bundeswehr gewarnt wurde, anstelle wie auf der Originalseite dafür zu werben, bei der BW zu arbeiten.

Noch viele weitere Kampagnen und Aktivitäten des Kollektivs finden sich unter https://pen.gg/de/kampagnen/

 

Rede von Peng! zur Verleihung des Aachener Friedenspreises


Rede von Christoph Kriescher zur Begründung der Preisverleihung an Concern Universal Colombia und Peng!

08. Mai 2018

Themen:

Jugendnetzwerk für politische Aktion (JunepA)

JunepA ist ein bundesweites Netzwerk von jungen Menschen. „Unser Ziel ist, eine Plattform für junge Menschen zu sein, um sich für politische Aktionen zu vernetzen und politischen Wandel herbeizuführen“, heißt es auf ihrer Website. Derzeit sind sie, neben vielen verstreuten Einzelpersonen, in 3 Regionalgruppen organisiert – die Gruppen Südwest, Lüneburg und Berlin.

Gegründet hat sich die Gruppe im Oktober 2013. Seit 2014 initiieren und beteiligen sie sich an zahlreichen Aktionen bundesweit, vor allem auch friedenspolitischen Aktionen. So haben sie sich bereits 3 Jahre in Folge an Blockadeaktionen am Atomwaffenstützpunkt Büchel beteiligt und planen dies auch für dieses Jahr. „Aufrüstung für den Frieden ist wie Schnapspralinen gegen Alkoholismus“, erklären sie.

Spektakulär und von großem Medienecho begleitet war ihre Blockade- und Go-in-Aktion im September 2016 in Büchel. In ihrer Pressemitteilung vom 12.09.2016 zu der Aktion heißt es:

Zufahrten zum Atomwaffenstandort blockiert, Startbahn besetzt.

Die Militäranlage ist seit 5:15 Uhr durch etwa 30 antimilitaristische Aktive blockiert – sämtliche geteerte Zufahrtswege sind durch Sitzblockaden sowie ein hohes Dreibein (Tripod) und in einer anderen Einfahrt durch ein in einem Auto befindlichen Betonfass versperrt, an denen sich jeweils Menschen befestigt haben. Mehrere Aktivist_innen sind auf das Gelände gelangt und haben die einzige Start- und Landebahn besetzt.

Der Betrieb des Fliegerhorsts Büchel, auf dem die letzten Atomwaffen innerhalb der BRD lagern, ist durch die Aktionen stark eingeschränkt. Durch die sogenannte „Go-In“-Aktion ist ein Start der Tornado-Kampfflugzeuge, die im Einsatzfall die Atombomben abwerfen sollen, momentan unmöglich. Wegen der blockierten Zufahrten können hunderte Angestellte im Militärdienst ihre Arbeit vorerst nicht aufnehmen. […].

„Unsere Aktion richtet sich gegen die Existenz von Atomwaffen, die immer eine unberechenbare Gefahr für die Menschheit darstellen.“ erklärt Fiona Rucke, die sich an den Aktionen beteiligt: „Daher haben wir uns dazu entschieden, mit einer entschlossenen Aktion des Zivilen Ungehorsams Sand im Getriebe der Kriegsmaschinerie zu sein.“

2017 plant die Gruppe zunächst eine Aktion gegen Waffenproduktion und/oder -exporte zu machen. So soll im Frühjahr eine Rheinmetall-Waffenschmiede in Norddeutschland blockiert werden. „Rheinmetall liefert unter anderem Waffen an menschenrechtsverachtende Staaten und in Kriegs- und Krisengebiete. Aber schon die Tatsache, dass sie die Waffen herstellen, ist für uns Grund genug, eine große, anschlussfähige Aktion zu organisieren“, erklärt JunepA.

Darüber hinaus ist eine Teilnahme an den Protesten zum G20-Gipfel am 7. Juli in Hamburg geplant. Des Weiteren eine erneute Aktion oder Aktionsbeteiligung in Büchel sowie die Teilnahme an Protesten gegen einen Castortransport.

Im Einzelnen hat die Gruppe in den Vorjahren folgende größeren Aktionen durchgeführt:

  • Aug. 2014: Blockade des Atomwaffenlagers Büchel
  • Aug. 2014: Besetzung des Truppenübungsplatzes Altmark (GÜZ)
  • März 2015: Blockade des Atomwaffenlagers Büchel
  • Juni 2015: Banner-Aktion zum G7-Gipfel im Münchener Hauptbahnhof
  • Juni 2015: Blockade des G7-Gipfels in Bayern
  • Sept. 2015: Blockade der Brennelementefabrik Lingen
  • Dez. 2015: Banner-Aktion zur COP21 an der Siegessäule, Berlin
  • März 2016: Vattenfall-Blockade in Berlin
  • Mai 2016: Ende Gelände in der Lausitz
  • Sept. 2016: Büchel Blockade und Go-In-Aktion
  • Okt. 2016: CETA/TTIP Endstation im Kölner Hauptbahnhof

Begründung für die Preisverleihung
Die Proteste und Aktionen zivilen Ungehorsams von JunepA sind mutig, kreativ, höchst anerkennens- und unterstützenswert. Zumal sie dazu angetan sind, auch andere junge Menschen beispielgebend zum Mitmachen zu motivieren und anzuregen. Mit ihren Protesten legt JunepA die Finger in aktuell brennende gesellschaftspolitische Wunden. Mit der Verleihung des Aachener Friedenspreises sollen diese jungen Menschen in ihrer Arbeit bestärkt werden. Nicht zuletzt tun gerade solche jungen Menschen, die sich aktiv für Demilitarisierung einsetzen, der Friedensbewegung not!

Rede JunepA

24. Oktober 2017

Themen:

Bürgerinitiative Offene Heide

Bürgerinitiative Offene Heide

Der Krieg beginnt hier! Hier, das ist die Colbitz-Letzlinger Heide, nördlich von Magdeburg, mit dem 232 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatz, dem Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Altmark, den die Bundeswehr selbst als den modernsten Europas bezeichnet. Hier wird Krieg geübt, ausprobiert, vorbereitet – von der Bundeswehr und der NATO.

Zur Vorgeschichte: Nachdem das Gebiet der Colbitz-Letzlinger Heide ab 1935 zunächst von der Wehrmacht, dann ab 1945 von der Sowjetunion für militärische Zwecke genutzt wurde, bestand nach der Wende die Hoffnung, dass die Colbitz-Letzlinger Heide als Naturpark genutzt würde, nachdem der Landtag Sachsen-Anhalts 1991 dessen ausschließlich zivile Nutzung beschlossen hatte. 1993 beschloss dann jedoch der Bundestag die Weiterführung des Truppenübungsplatzes und im August 1994 besetzte die Bundeswehr das 23.000 ha große Kerngebiet.

Als Reaktion darauf formierte sich 1993 die Bürgerinitiative OFFENe HEIDe, die seit dem 1. August 1993 jeden ersten Sonntag im Monat zum Friedensweg in die Colbitz-Letzlinger Heide, aufruft, um für eine zivile Nutzung des Naturschutzgebietes, für Frieden und gegen Krieg zu protestieren und symbolisch ein Stück Heide in Besitz zu nehmen. „Frieden schaffen ohne Waffen“, ist ihre Losung.

Seit nunmehr über 20 Jahren rufen sie bei Hitze, Regen, Sturm oder Schnee an jedem ersten Sonntag im Monat seither zum Protestmarsch von in der Regel etwa 4-5 km auf, mit einer abschließenden Kundgebung. Am 7.2.2016 fand so inzwischen der 272. Friedensweg statt. Während in den 1990ern noch Hunderte mit protestieren, sind es jetzt in der Regel 40 oder auch schon einmal über 70 Teilnehmer, die sich der Protestgruppe anschließen. Einhergehen diese Protestmärsche mitunter auch mit Bußgeldbescheiden und Gerichtsverfahren, da sie bewusst auf zivilen Ungehorsam setzen und dabei militärisches Sperrgebiet betreten.

Ihr Ziel ist, dass die Colbitz-Letzlinger Heide nach mehr als sieben Jahrzehnten militärischen Missbrauchs, ein Lernort für die Versöhnung mit der Natur und Frieden zwischen den Völkern wird.

Auf der Homepage (www.offeneheide.de) der BI OFFENe HEIDe, die auch eine sehr umfangreiche Dokumentation ihrer über 20-jährigen Aktivitäten enthält, heißt es: Die verteidigungspolitischen Richtlinien von 1992 und das neue Weißbuch der Bundeswehr rechtfertigen nahezu unbegrenzte militärische Einsätze, um den Zugang zu lebenswichtigen und knapp werdenden Ressourcen der Erde für die modernen Industrienationen zu rauben. Diese Neuorientierung der Bundeswehr dient der Vorbereitung von Angriffskriegen und stellt einen Straftatbestand nach dem Grundgesetz, dem Strafgesetzbuch und dem Völkerrecht dar.

„Ziviler Ungehorsam wird zur Pflicht, wo der Staat den Boden des Rechts verlässt.“ (Gandhi)

„Wir wollen die Bürger dafür sensibilisieren, dass nebenan nicht nur gespielt, sondern der echte Krieg geübt wird“, sagt einer der Aktivisten.

Hauptaktionsform sind die monatlichen Friedenswege und die Ostermärsche. Dabei wird auch ziviler Ungehorsam geleistet.
Darüber hinaus organisieren sie Informationsveranstaltungen, Infotische, Kundgebungen, treten bei Veranstaltungen in der Region auf und beteiligen sich auch an Protesten und friedlichen Blockaden gegen Naziaufmärsche. Ihr Einsatz gegen Krieg und für Frieden ist umfassend: Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Ukraine, Gaza, Syrien, Schule ohne Bundeswehr, Flüchtlinge, Frontex, Rüstungsexporte und anderes waren beispielsweise Themen, die in den vergangenen Jahren immer im Vordergrund standen.

„Verantwortung für unser Land heißt: Nein zu Krieg und Konfrontation. Unsere Verantwortung heißt: Ja zu Frieden, Abrüstung, ziviler Konfliktlösung und humanitärer Hilfe.“

Foto: Bernd Luge, Magdeburg

 

Wo der Krieg beginnt: GÜZ und Schnöggersburg

Im GÜZ erhalten offiziell bisher rund 25.000 NATO-SoldatInnen jährlich den letzten Schliff für Kriegseinsätze. Alle Bundeswehr-SoldatInnen, die in einen Auslandseinsatz geschickt werden, müssen sich unmittelbar vorher einem zweiwöchigen Kampftraining im GÜZ unterziehen.

Das GÜZ wurde für etwa 1 Milliarde Euro gebaut. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Umstrukturierung der Bundeswehr zu einer weltweit einsetzbaren Angriffsarmee. „Für das deutsche Heer öffnen wir mit diesem Schlüssel eine Tür in eine neue Welt“, sagte der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Gert Gudera, anlässlich der symbolischen Schlüsselübergabe des GÜZ 2001.

Dort werden Soldaten auf Auslandseinsätze vorbereitet. Sie trainieren mit hochmoderner Technik in mehreren Dorf- und Stadtkulissen, die afghanischen und kosovarischen Ortschaften nachempfunden sind. Sie dienen als Kulissen, um in Verbänden bis zur Bataillonsstärke u.a. Häuserkampf, Terrorismusbekämpfung, Umgang mit aufgebrachten Menschenmengen, Panzerabwehr usw. zu üben.

Ergänzt wird diese militärische Kulisse durch Schnöggersburg, der künstlichen Großstadt und seit 2012 im Bau befindlichen größten militärischen Übungsstadt Europas. Sie wird 6 km² groß werden und über 500 Häuser haben, mit einer Innen- und Altstadt inklusive Einkaufsmeile, mit Einfamilienhäusern, Hochhäusern und Plattenbauten, Kirchen und Moscheen, Friedhof, Schule, landwirtschaftlichen Betrieben, Kanalisation, einem künstlich angelegten 30m breitem Fluss, einem Stadion und einem Slum-Gebiet sowie einem Industriegebiet und einem Elendsviertel. Hinzu kommen Eisenbahnschienen mit Bahnhof, U-Bahn-Tunnel und -Stationen, Straßenzüge und Plätze, ein Autobahn-Abschnitt und eine Flug- bzw. Landebahn, auf der sogar der A400M landen kann.

Bis zu 1.500 SoldatInnen werden hier gleichzeitig ‘Krieg spielen’. Die Übungsstadt soll 2017 fertig gestellt sein und bereits ab 2015 für Übungen und Simulationen von Kampfeinsätzen in städtischen Gebieten genutzt werden. Für Baukosten wurden ursprünglich rd. 100 Millionen Euro veranschlagt; dieser Betrag hat sich lt. Auskunft des Bundesministeriums der Verteidigung von April 2016 inzwischen bereits auf rd. 139 Millionen Euro erhöht und dürfte Schätzungen zufolge am Ende noch um ein Vielfaches höher liegen.

Nach aktuellen Analysen der NATO werden sich Konflikte zukünftig mehr und mehr in den Metropolen und wachsenden Städten dieser Erde abspielen. Krisen, soziale Unruhen und Aufstände müssen nach militaristischer Logik militärisch bekämpft werden. So entstand Schnöggersburg.
Betrieben werden Schnöggersburg und das GÜZ im Rahmen einer Public-Private-Partnership (PPP). Betreiberin ist die „Rheinmetall Dienstleistungszentrum Altmark GmbH“, die das Gelände samt Technik und Logistik an die Bundeswehr und andere europäische Armeen vermietet.

Die Antwort der Friedensbewegung: „War starts here“-Protestcamp

Seit das Armeeprojekt Schnöggersburg 2012 bekannt geworden und kurz darauf mit dessen Bau begonnen worden war, demonstrieren Antimilitaristen jährlich gegen die Aufrüstung im GÜZ. Dazu wurde seither alljährlich ein einwöchiges internationales »War starts here«-Protestcamp nahe dem Übungsplatz in der Colbitz-Letzlinger Heide organisiert, bei dem die BI OFFENe HEIDe ebenfalls immer mit dabei war. Auf dem Militärgelände »werden NATO-Angriffskriege direkt vorbereitet«, begründen sie die Wahl ihres Protestziels auf ihrer Webseite (www.warstartsherecamp.org). In den vergangenen vier Jahren hatten die Antikriegscamps für gemeinsame Großeinsätze von Polizei, Bundeswehr und Kommunen gesorgt.

Fazit:

Die Colbitz-Letzlinger Heide mit GÜZ und Schnöggersburg ist der Inbegriff für den Wandel der Bundeswehr von einer Verteidigungs- hin zu einer Interventionsarmee. GÜZ und Schnöggersburg sollen auch von der Schnellen Eingreiftruppe bzw. der „Speerspitze“ der NATO genutzt werden.

Die Beharrlichkeit und der Mut der BI OFFENe HEIDe zu immer wiederkehrendem zivilen Ungehorsam in ihrem unermüdlichen langjährigen Protest gegen Krieg, Militarisierung und Rüstung verdienen Respekt und unsere Solidarität! Diese Kriegsvorbereitungen gehen uns alle an. Was die BI jedes Jahr, Monat für Monat, vor Ort – in unmittelbarer Nachbarschaft der Vorstufe zum nächsten Kriegseinsatz – an Protest leistet, leistet sie stellvertretend für uns alle! Die Verleihung des Aachener Friedenspreises ist in diesem Sinne ein wichtiges Signal. Und auch, um diese unmittelbaren Kriegsvorbereitungen einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt zur Kenntnis zu bringen.

24. Oktober 2017

Themen:

Bernhard Nolz (Siegen)

Lehrer, Friedensaktivist

Bernhard Nolz, geb. am 3.7.1944 in Ottemdorf bei Cuxhaven, wohnt in Siegen. Er ist Lehrer, Friedenspädagoge, Publizist und seit drei Jahrzehnten aktiver Pazifist. Seit 1969 arbeitet er als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politik.

Seit Anfang der 70er Jahre ist Bernhard Nolz in der Friedensbewegung engagiert, wobei sein Schwerpunkt auf der Entwicklung und Umsetzung friedenspädagogischer Konzepte liegt. Er ist seit 1992 Bundessprecher der Initiative „Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden“, seit 1996 Mitglied im Trägerverein des Bundes für Soziale Verteidigung in Minden und seit Ende 2000 ehrenamtlicher Geschäftsführer
des Siegener Zentrums für Friedenskultur.

Exemplarisch für seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit sind seine Tätigkeiten am Institut für Friedensforschung der Kieler Universität, seine Mitarbeit im Vorstand der Zeitschrift „Wissenschaft und Frieden“ sowie die Herausgabe der Buchreihe „Friedenskultur in Europa“ (gemeinsam mit Prof. Dr. Wolfgang Popp).

Unermüdlich setzt sich Bernhard Nolz in seiner pädagogischen, politischen und wissenschaftlichen Arbeit seit vielen Jahren gegen jede Art des Militarismus und für zivile Konfliktbearbeitung ein.

In einer Rede auf der Kundgebung vor ca. 3000 SchülerInnen gegen Terror, Gewalt und Krieg am 17. 9. 2001 in Siegen bringt Herr Nolz seine Überzeugung zum Ausdruck, dass man auf die Terroranschläge des 11. September 2001 nicht mit Kriegshandlungen reagieren dürfe. Außerdem kritisiert er treffend die UN-Politik der USA sowie die maßlose Aufrüstung und die damals bereits vorherzusehende einseitige militärische Reaktion auf die Terroranschläge. Das Hauptanliegen seiner Rede besteht jedoch darin, den Schülerinnen und Schülern gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien aufzuzeigen.

Kurz nach dieser Rede setzte eine Diffamierungskampagne staatlicher Stellen in Verbindung mit einer Hetzkampagne des Siegener CDU-Bundestagsabgeordneten Paul Breuer ein. Die Bezirksregierung in Arnsberg suspendierte Bernhard Nolz Ende September zunächst befristet, wenig später unbefristet vom Dienst und eröffnete damit eine neue Ära der Berufsverbotspraxis. Nicht nur Bernhard Nolz, sondern alle KriegsgegnerInnen in der Lehrerschaft sollten ruhig gestellt oder gar mundtot gemacht werden.

Das konsequent pazifistische Handeln des Lehrers Bernhard Nolz sowie die Vorgehensweise der mit diesem Fall befassten staatlichen Stellen machen exemplarisch deutlich, dass mit der Militarisierung einer Gesellschaft nach außen immer auch eine verstärkte Repression gegen KriegsgegnerInnen im Inneren der Gesellschaft einhergeht.

Ziel dieser Repression ist – wie in allen Kriegszeiten der Geschichte – die Sicherung einer hinreichenden Kriegsakzeptanz an der „Heimatfront“. Diese Ruhe an der „Heimatfront“ stören Menschen wie Bernhard Nolz.

020903_Bernhard Nolz

03.10.2020: Distanzierung von Bernhard Nolz (Preisträger 2002)

Der Aachener Friedenspreis e.V. distanziert sich von Bernhard Nolz, seinem Preisträger aus dem Jahr 2002, aufgrund einer Veröffentlichung zum Tag der Deutschen Einheit auf dessen Website. Aus unserer Sicht waren die Demonstrationen der sog. Querdenkenbewegung nicht positiv zu sehen.

Wir weisen auf unsere Analyse aus dem Jahr 2020 hin-

“Die Demonstrationen, welche vermeintlich für freie Gedanken und für das Grundgesetz eintreten, sind ein Sammelbecken gefährlicher Verschwörungstheorien und einer um sich greifenden Querfront, mit denen sich der Aachener Friedenspreis nicht gemein machen möchte.

Ein solidarischer Umgang miteinander und die zeitgleiche Aufrechterhaltung gebotener Wachsamkeit in diesen Zeiten einer nicht zu leugnenden Pandemie ist der einzige Weg, gemeinsam diese Krise zu meistern.[…]”

24. Oktober 2017

Themen:

Barbara Lee (USA)

US-Kongressabgeordnete für Kalifornien

Barbara Lee, US-Kongressabgeordnete der Demokraten, wurde ein Jahr nach den Terroranschlägen des 11. Septembers mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet. Ausschlaggebend für ihre Wahl war ihr jahrelanges, konsequentes Handeln gegen den Krieg sowie ihre wackere, weit blickende und zukunftsorientierte Ablehnung der so genannten Bush-Doktrin.

Barbara Lee war seit dem Jahr 1998 Abgeordnete im Repräsentantenhaus. Sie vertrat den 9. Bezirk Kaliforniens. Bereits 1998 stimmte sie mit vier weiteren Abgeordneten gegen die Bombardierung des Irak. Als im Jahr 1999 der Krieg gegen Jugoslawien drohte, war sie die Einzige, die dagegen stimmte. Genauso blieb sie, in der Abstimmung zur Kriegsermächtigung des Präsidenten im Jahr 2001, allein mit ihrer Anti-Kriegs-Einstellung. Barbara Lee steht repräsentativ für das „andere Amerika“. Das Amerika, welches sich gegen diesen Krieg stellte und das zugleich gegen das beängstigende Klima des Abbaus von elementaren Bürgerrechten kämpfte, welches sich seit dem 11. September in den USA breit gemacht hatte.

Begründung für die Friedenspreisverleihung

Barbara Lee, US-Kongressabgeordnete der Demokraten, wird in diesem Jahr, mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet. Dabei wird Frau Lee besonders geehrt für ihr jahrelanges, konsequentes Handeln gegen Krieg sowie für ihre mutige, weitblickende und zukunftsorientierte Ablehnung der Ermächtigung des amerikanischen Präsidenten, den „Krieg gegen den Terror“ mit allen Mitteln führen zu können.

Barbara Lee ist seit 1998 Abgeordnete im Repräsentantenhaus. Sie vertritt den 9. Bezirk Kaliforniens. Bereits 1998 stimmte sie mit vier weiteren Abgeordneten gegen die Bombardierung des Irak. 1999, angesichts des Krieges gegen Jugoslawien, war ihre Stimme die einzige, die sich gegen diesen NATO-Krieg erhob. 2001 stimmte sie schließlich ganz allein gegen die Kriegsermächtigung des Präsidenten.

Mit der Auswahl und der Würdigung unserer Preisträger 2002 setzen wir erneut ein dringend gebotenes, eindeutiges Zeichen gegen den Krieg. Barbara Lee repräsentiert das „andere Amerika“. Ein Amerika, das sich gegen diesen Krieg stellt und das zugleich gegen ein beängstigendes Klima des Abbaus von elementaren Bürgerrechten kämpft, das sich seit dem 11. September in den USA breit gemacht hat. Ähnlich wie zu Zeiten des McCarthyanismus sind alle Kritiker dieses Krieges „unamerikanischer Umtriebe“ verdächtig und werden bis in den persönlichen Bereich hinein erheblichen Repressionen ausgesetzt. Mut zu solcher Zivilcourage ist heute dringender denn je gefragt – nicht nur in den USA, sondern auch in der Bundesrepublik.

Während der Abstimmung gab Frau Lee zu Protokoll: „Ich habe heute ein schweres Herz, ein Herz, das mit trauernder Sorge für die Familien und Lieben der Getöteten und Verwundeten dieser Woche angefüllt ist. Nur ein kompletter Narr oder ein extrem grausamer Mensch würde Trauer nicht verstehen, die unser Volk und Millionen in aller Welt beherrscht. Der 11. September hat die Welt verändert. Unsere tiefsten Ängste suchen uns heim. Dennoch bin ich überzeugt, dass ein militärischer Einsatz weitere Anschläge des internationalen Terrorismus gegen die Vereinigten Staaten nicht verhindern wird. Diese Resolution wird beschlossen werden, obwohl, wie alle wissen, der Präsident auch ohne sie einen Krieg führen kann. Wie schwierig diese Abstimmung auch sein mag, einige von uns müssen auf Zurückhaltung drängen. Unser Land ist in Trauer. Einige von uns müssen sagen: Lasst uns für einen Moment innehalten und die Implikationen unserer Handlungen von heute überdenken, damit die Dinge nicht außer Kontrolle geraten.“

020903_Begründungsrede

020903_Barbara Lee

020903 Laudatio Dahn

24. Oktober 2017

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